Der Ritter von der traurigen Gestalt

Gepostet am 17.07.2017 um 12:37 Uhr

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wollte sich jüngst ein Duell mit Bundeskanzlerin Angela Merkel liefern. Aber vergeblich. Warum Schulz unsere Korrespondentin Evelyn Seibert an Don Quichotte erinnert.

Das war ein Fernduell, bei dem sich aber leider nur einer duellieren wollte: Der Kanzlerkandidat. Der schoss viele, teilweise auch sehr gut gezielte Pfeile ab – aber die Kanzlerin blieb einfach in ihrer Deckung. So ein bisschen erinnert das an Don Quichotte und seinen Kampf gegen die Windmühlen. Der Ritter von der traurigen Gestalt.

Wobei Martin Schulz im Gegensatz zu Don Quichotte keine Wahnvorstellungen hat- sondern viele Probleme im Land ganz klar angesprochen hat. Es kann wirklich nicht sein, dass Deutschland  zwar in der ganzen Welt bewundert wird – in punkto Digitalisierung und Internet aber abgeschlagen im Mittelfeld landet. Das ist die Zukunft- da hat der Martin Schulz vollkommen Recht. Das haben Merkel  und ihr Digitalisierungsminister Dobrindt verschlafen. Und wenn man Franzosen erzählt, dass es in deutsche Schulen reinregnet, verstehen die die Welt nicht mehr und sagen, dass es bei sowas längst einen Aufstand in Frankreich gegeben hätte. Aber die Deutschen  sind grade nicht in der Stimmung, Aufstand zu machen. Es  läuft ja.

Merkel will Macht bewahren

Angela Merkel  hört nicht auf zu betonen, dass die Welt in Unordnung ist. Was sie damit auch meint, ist: Zum Glück haben wir ja sie als erfahrene Kanzlerin, die macht das schon. Das ist kein Wahlkampf. Und das ist eigentlich auch den Wählern gegenüber unfair. Demokratie lebt davon, dass die Anführer um Inhalte und Meinungen streiten – dass man weiß, wofür wer steht. Bei der Kanzlerin weiß man nur: Sie steht, mit ganz wenigen Ausnahmen, für das, was grade mehrheitsfähig oder einfach fällig ist. Das war bei der Ehe für alle so, bei der Energiewende, bei der Frauenquote. Alles nicht ihre Lieblingsthemen – sie gehen aber mit ihr als erledigt nach Hause. Folgerichtig  hat sie sich die Digitalisierungsinitiative ihres Konkurrenten am Wochenende auch wieder als eigenes Topthema angeeignet. Das ist schlau – aber auf Dauer macht das keine Lust auf Politik. Das hat nichts mit gestalten zu tun, sondern mit Macht bewahren.

Deutsche sind merkelisiert

Die Deutschen scheint das alles nicht so wahnsinnig zu interessieren. Sie kennen das Merkel-Spiel und machen es seit vielen Jahren und vielen Wahlkämpfen mit.  Die Deutschen sind – nach einem kurzen, jähen  Erschrecken in der Flüchtlingskrise – jetzt wieder merkelisiert.  Das politische Erschrecken findet grade außerhalb der deutschen Grenzen statt, in den USA und Großbritannien, in der Türkei , Polen und Russland. Das macht innenpolitisch offenbar Angst vor Veränderung – auch wenn ein bisschen Modernisierung  Deutschland in vielen Punkten ganz gut tun würde.  Die Deutschen sehen offenbar keinen Anlass, was zu verändern. Am liebsten einfach weiter so mit der großen Koalition, die leisten ja gute Arbeit. Wahrscheinlich wird es auch so kommen … und politisch spannend wird es in Deutschland erst wieder, wenn die Nach-Merkel-Ära beginnt.

Zuletzt aktualisiert: 28.07.2017, 17:00:02