Der “Grubenhund” der Titanic: Satire darf alles

Gepostet am 15.06.2018 um 16:18 Uhr

“Titanic”-Redakteur Moritz Hürtgen führt mit einem simplen Tweet über die angebliche Trennung von CDU und CSU die deutschen Medien vor. Das sollte vor allem uns Journalisten zu denken geben, kommentiert Marko Milovanovic.

Da schickt einer einen Tweet raus in die Welt und ein ganzes Land bekommt Schnappatmung. Nein, dieses Mal handelt es sich nicht um Donald Trump, sondern um den „Titanic“-Redakteur Moritz Hürtgen, der seinen Twitteraccount kurzer Hand zu einem angeblich öffentlich-rechtlichen Kanal namens „hr Tagesgeschehen“ umfunktioniert hat.

„+++ Breaking – Politbombe platzt in Hessen +++ Seehofer kündigt laut interner Bouffier-Mail Unionsbündnis mit CDU auf +++ Merkel informiert, PK gegen 15 Uhr +++ Details folgen!“

Aufgrund des Tweets eilen „Bild“, „N-TV“ und „Focus Online“ die Retuers-Meldung, dass die CSU sich von der CDU trennen will. Der deutsche Leitindex DAX bricht um einen halben Prozent ein, der Euro verliert an Wert. Auf Twitter hyperventilieren Journalisten, im Bundestag unterbricht die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch die Aussprache zum Familiennachzug mit einer Zwischenfrage zur Meldung.

Der Tweet platzt in unsere tägliche Mittagskonferenz im Hauptstadtstudio, es herrscht große Unruhe, Rätselraten und Skepsis. Die Redakteure haben von dem Account „hr Tagesgeschehen“ noch nie etwas gehört. Schnell stellt sich raus: Es ist kein „echter“ Account, auch wenn er einen blauen Haken hat.

Denn den blauen Haken hatte Moritz Hürtgen bereits, als sein Account noch seinen tatsächlichen Namen trug. Und es ist äußerst simpel, auf Twitter den angezeigten Namen zu ändern und ein neues Profilbild hochzuladen. Dass Hürtgen überdies über 7.000 Follower hat, war für viele ein Grund, nicht an einen Fake-Account zu glauben.

Und dann hatte Hürtgen noch Vorarbeit geleistet, Tweets von @hrinfo retweetet und Tweets wie „Hessenticker – Sommerferien 2018: Rekordzahl an Hessen will mit dem Flugzeug verreisen“ abgesetzt.

Zu den eigentlich von Hürtgen bekannten satirischen Tweets runterzuscrollen, um zu überprüfen, was der Account noch vor einem Tag getwittert hatte, war den meisten Journalisten höchstwahrscheinlich zu zeitaufwändig.

Auf die allgemeine Hysterie ob der dramatischen Nachricht folgten schnell andere Reaktionen. Auf der einen Seite Heiterkeit, weil da jemand die deutsche Medienlandschaft mit simpelsten Mitteln reingelegt hatte. Auf der anderen Seite Kritik und Empörung, weil da jemand ganz gezielt eine Falschnachricht abgesetzt hatte.

Darf der das?

Darf der das? Seltsamerweise wird diese Frage noch immer ernsthaft diskutiert. Dabei ist sie einfach zu beantworten: Satire darf alles. Hürtgen hat als Mitarbeiter eines Satire-Magazins seinen Job gemacht. Die Journalisten, die auf seinen Tweet reingefallen sind, haben ihren Job offensichtlich nicht gemacht. Die Schuld an dem Debakel dem Satiriker zu geben, hat etwas Unreflektiertes, im schlimmsten Fall etwas Heuchlerisches. Und die Aktion mit „Fake News“, diesem zu oft missbrauchtem Wort, zu betiteln, ist schlichtweg falsch. Sie ist Satire.

Genaugenommen gibt es diese Form der Satire schon so lange, wie es die moderne Mediengesellschaft gibt. Nicht erst seit Kevin Kühnert und den angeblichen E-Mails eines russischen Hackers. Nicht erst seit Jan Böhmermann und seinem Varoufake.
Hürtgens Twitter-Hack ist ein klassischer „Grubenhund“.

Der Satiriker Karl Kraus (1874-1936) hatte 1908 als „Zivilingenieur J. Berdach“ einen mit pseudowissenschaftlichen Phrasen gespickten Leserbrief über eine Erdbebenbeobachtung an die Tageszeitung „Neue Freie Presse“ geschrieben. Die druckte den Brief ab, ohne ihn zu überprüfen. Davon inspiriert schrieb der Ingenieur Arthur Schütz 1911 einen ähnlich abstrusen Leserbrief an die „Neue Freie Presse“, in dem er von einem angeblichen Grubenhund erzählte, der bereits eine halbe Stunde vor einem Erdbeben unruhig geworden sei. Das Wort entlehnte Schütz dem „Grubenhunt“, einem in Bergwerken verwendeten Güterwagen. Die Zeitung druckte den sinnfreien Leserbrief abermals, ohne ihn zu hinterfragen.

Nehmt es mit Humor

In der Folge war die Satiretechnik „Grubenhund“ immer wieder ein beliebtes Mittel, um aufzuzeigen, wie leicht Medien auf Falschmeldungen reinfallen. Und das macht den „Grubenhund“ eben – wie auch Hürtgens Tweet – nicht zu „Fake News“, sondern im Gegenteil zur Warnung vor eben solchen Falschmeldungen. Das Ziel von Satire ist es nicht, Meinungen zu manipulieren oder Stimmung zu machen, sondern Redaktionen und Leser darauf hinzuweisen, kritisch mit Nachrichten umzugehen.

Insofern sollten wir Hürtgen für die Mahnung danken und uns auf einen wesentlichen Teil unserer Arbeit als Journalisten besinnen: Quellen zu prüfen, statt unhinterfragt Meldungen zu publizieren. Und es mit Humor nehmen, wenn wir selbst auf den Hürtgenschen Grubenhund reingefallen sind.

Zuletzt aktualisiert: 18.12.2018, 12:36:42