Der Älteste im Bundestag

Gepostet am 15.09.2017 um 17:07 Uhr

Seit 45 Jahren sitzt Wolfgang Schäuble im Bundestag. Er hat ein Attentat überlebt, die Wiedervereinigung mit verhandelt und die schwarze Null geschafft. Ein Porträt.

Wolfgang Schäuble ist Rekordhalter. Seit 45 Jahren gehört er dem Bundestag an – so lange wie niemand sonst. Er war sich nicht sicher, ob er in seinem Wahlkreis Offenburg noch einmal antreten soll. Aber die Leute hätten ihm zugeredet – meint er in kleiner Runde. Und das höre er doch auch gern, habe seine Frau gesagt. Persönliche Vorteile spielten jedenfalls keine Rolle, stellt Schäuble in einer Diskussion mit dem Grünen-Politiker Cem Özdemir klar:

„Glauben Sie ich mache Politik wegen der Dienst-Limousine…?“

Schäuble hat nach dem Attentat weitergekämpft
Schäubles Auffassung von Politik ist eine andere. Ihm gehe es buchstäblich um Land und Leute:
„Politik ist die Notwendigkeit und die Not, Entscheidungen zu treffen, die dafür sorgen, dass die Menschen eine Chance haben, ihr Leben einigermaßen nach ihren Vorstellungen gut zu führen.“

Diese selbst gestellte Aufgabe zu erfüllen, hätte Schäuble beinahe sein Leben gekostet. Im Bundestagswahlkampf 1990 schießt ein Mann auf ihn. Seitdem sitzt Schäuble im Rollstuhl. Doch er kämpft:
„Ich habe gelernt, dass die persönliche Zufriedenheit relativ unabhängig ist. Also, man kann im Rollstuhl genauso glücklich oder unglücklich sein.“
Damals war er Bundesinnenminister unter Helmut Kohl – hatte gerade die Deutsche Einheit verhandelt – sein persönlicher politischer Höhepunkt:

„Meine größte Erfahrung in meinem kurzen politischen Leben ist die Wiedervereinigung.“

Merkel holt ihn nach seinem Tiefpunkt zurück
Politischer Tiefpunkt war vermutlich die CDU-Spendenaffäre. Schäuble soll Geld vom Waffenhändler Schreiber angenommen haben. Alles ganz harmlos, sagt er Ende 1999 im Bundestag:
„Herrn Schreiber habe ich getroffen, ja, das war in einem Hotel in Bonn – ohne Koffer. Also, ich habe einen Aktenkoffer vielleicht dabei gehabt – weiß ich gar nicht. Aber es ist jedenfalls weder von Panzern noch von sonst etwas die Rede gewesen.“

Doch in den Wochen danach gibt er immer mehr zu, tritt Anfang 2000 vom Vorsitz der CDU und der Unionsfraktion zurück. Die politische Karriere des Wolfgang Schäuble neigt sich dem Ende – bis Angela Merkel ihn 2005 noch einmal als Innenminister in die Regierung holt. Vier Jahre später wird er Finanzminister. Und schafft die so genannte Schwarze Null:

„Wir werden auf eine Wahlperiode zurückblicken können, in der wir in der ganzen Wahlperiode im Bundeshaushalt ohne Neuverschuldung ausgekommen sind.“

Kritik aus der Opposition, das sei nur wegen der niedrigen Zinsen für Altschulden gelungen, ficht Schäuble nicht an.

Manchmal redet Schäuble wie ein Präsident
Krönung seiner Laufbahn wäre das Amt des Bundespräsidenten gewesen. 2010 war er im Gespräch – doch er wurde es nicht. Manchmal redet Schäuble aber wie ein Präsident. Anfang 2016 zum Beispiel vor deutschen Zuhörern in China. Er spricht über das Elend von Flüchtlingen und Stacheldrahtzäune in Europa – und bringt die deutsche Flüchtlingspolitik auf einen Satz:

„Wir, die Bundesrepublik Deutschland, haben in der Flüchtlingsfrage Europas Ehre ein stückweit gerettet.“

Ehrenvoll ist auch seine nächste Aufgabe. Als Abgeordneter mit der längsten Erfahrung wird Schäuble die erste Sitzung des neu gewählten Bundestags eröffnen. Ob er womöglich sogar Bundestagspräsident werde? Dazu schweigt er lieber. Das komme erst nach der Wahl.

Zuletzt aktualisiert: 14.12.2017, 14:14:07