Das sagt Altkanzler Schröder zum Kandidaten Schulz

Gepostet am 25.01.2017 um 13:55 Uhr

Sigmar Gabriel überlässt Martin Schulz Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur. Was bedeutet das für die SPD? Tina Hassel hat einen Genossen gefragt, der weiß, wie man Wahlkämpfe gewinnt: Altkanzler Gerhard Schröder.

Tina Hassel: Herr Schröder, was war das gestern? War das eine chaotische Sturzgeburt oder wird man die Art von gestern relativ schnell vergessen und wird es ein Befreiungsschlag werden für die Partei?


Gerhard Schröder: Ich war nicht eingeweiht und deswegen kann ich Ihnen zum Zustandekommen nichts sagen. Ich war überrascht, auch über die Art und Weise, aber das ist dann schon wieder Geschichte. Jetzt geht es drum, sich darauf zu konzentrieren, die Wahl zu gewinnen, jedenfalls gut abzuschneiden. Und den Führungsanspruch, den man hat deutlich werden lassen, auch einzulösen. Wissen Sie, ich war nicht so überrascht. Wenn man dieses Amt anstrebt, dann muss man es unbedingt wollen mit allem, was man kann und hat. Man darf keine inneren Zweifel haben, denn wenn man innere Zweifel hat, es zu wollen und zu können, wenn mal also selber nicht überzeugt ist von sich, dass man es will, dann kann man auch andere schwerlich überzeugen. Das ist so. Und insofern war das eine respektable Entscheidung von Herrn Gabriel, der wohl diese inneren Zweifel hatte, und weil das so war, hat er sich sehr verantwortungsbewusst verhalten.

Hassel: Sie hatten ja Sigmar Gabriel lange geraten, Sie hatten ihn gefördert früher, Sie hatten ihm letztlich ja auch geraten, wenn er es wirklich wollen würde, hätte man dieses, diese Selbsterkenntnis nicht früher haben müssen, früher treffen können?

Schröder: Also kann sein, aber man muss ja mit sich im Reinen sein. Schauen Sie, den Schritt, den er gegangen ist, ist ja auch deswegen so respektabel, weil er ja beides aufgegeben hat. Sowohl die Chance Kanzlerkandidatur als auch das Amt des Parteivorsitzenden und gerade bei dem letzten, er hat ja durchaus die Partei zusammenhalten können, darüber längere Zeit nachzudenken, ob man diesen Schritt wirklich gehen will und auch gehen darf, weil das macht schon Sinn. Ich nehme an, dass er sich auch mit der engeren Führung der SPD beraten hat, jedenfalls mit einigen von denen …

Hassel: Mit wenigen?

Schröder: Ja, mit wenigen vermutlich, aber ich weiß es wirklich nicht. Und ich mag auch nicht darüber spekulieren.

Hassel: Kommen wir kurz auf Martin Schulz. Der ist beliebt. Er ist eine riesige Projektionsfläche. Er hat aber etwas nicht, was bisher alle sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten hatten, er ist überhaupt nicht präsent und vernetzt auf der nationalen Bühne. Er kann ja noch nicht mal reden im Parlament. Wie soll das gehen? Funktioniert so was?

Schröder: Na ja, Wahlkampf ist ja vor allen Dingen, Kampf außerhalb des Parlamentes. Also Wahlkampf geschieht und das hat mich ja immer bewegt sehr, auf den Straßen und Plätzen wie Helmut Kohl das mal genannt hat. Und das kann er und das geschieht in den Sälen, die voll sind. Und das kann er auch. Ich habe ihn erlebt mehrfach dort. Insofern, dass er nicht im Parlament da sprechen kann, ist nicht schön, aber sicher nicht das Entscheidende. Wahlkampf findet im Wesentlichen nicht im Parlament statt.

Hassel: Sie wissen, wie Wahlkampf gemacht wird. Martin Schulz, gerade weil er eben nicht in der Koalitionsdisziplin eingebunden ist, hat jetzt die Beinfreiheit, die Herr Steinbrück so gerne haben wollte. Er kann ganz anders umspringen mit Angela Merkel. Da wissen Sie ja auch einiges dazu zu sagen. Wie wird er jetzt machen, wie wird er punkten? Was müsste er tun?

Schröder: Ja, das kann ich Ihnen nicht sagen. Das muss er selber wissen. Aber an dem Punkt haben Sie ja recht, er hat jene Beinfreiheit von der immer die Rede war, die gibt es ja insbesondere dadurch, dass er als Parteichef und Kanzlerkandidat das Programm entscheidend schreiben wird. Davon gehe ich aus. Sonst machte das Ganze ja gar keinen Sinn. Das war ja seinerzeit beim Steinbrück ein bisschen anders. Und deswegen wird das einen ganzheitlichen Wahlkampf geben, der sowohl inhaltlich als auch in der Ausführung vom Parteivorsitzenden und Kandidaten vor allen Dingen geführt werden wird. Und das ist auch richtig so. Und er hat gleich erkennen lassen, dass er dieses Amt wirklich will und das hat er ja in seinen ersten Sätzen deutlich gemacht und das muss ich sagen, hat mich gefreut, da darf man keine Zweifel aufkommen lassen. Lässt man die aufkommen, dann fragen sich natürlich viele Menschen, ja, warum sollen wir denn, wenn er selber nicht überzeugt ist?

Hassel: Sie hatten Sigmar Gabriel mal einen demokratischen Populisten genannt und das positiv gemeint. Glauben Sie, dass man den Vormarsch der Populisten heute wirklich nur durch einen Populismus der Mitte stoppen kann?

Schröder: Ja, natürlich. Was heißt Populismus? Wenn man mal des Wortes wirkliche Bedeutung sich vergegenwärtigt, geht es ja darum, dem Volk aufs Maul zu schauen. Mit anderen Worten, eine Sprache zu sprechen, die auch verstanden wird, die sich nicht in Floskeln erschöpft, sondern die klar sagt, was man will und was man tun wird. Und das in einer einfachen, aber vernünftigen Sprache rüberzubringen, das kann der mit Sicherheit, der Martin Schulz. Und insofern ist er ohne Zweifel ein guter Kandidat zur richtigen Zeit.

Hassel: Letzte Frage, bisschen persönliche Frage an Sie. Sie sind ja sehr gefragt in Ihrer Partei, ich sage mal so, was man Ihnen lange Zeit als Sturheit ausgelegt hat, heißt jetzt Gradlinigkeit. Sie geben Mut einer irgendwie verunsicherten Partei. Bahnt sich da wieder etwas an?

Schröder: Schauen Sie, ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich gegenwärtig mache. Man bleibt ja ein politischer Mensch, auch wenn man keine Ämter mehr hat. Meine Resozialisierung in der SPD schreitet fort – das freut mich. Das freut mich, aber ich habe kein Interesse daran in die operative Politik einzugreifen. Ich werde jetzt 73, irgendwann ist auch genug.

Hassel: Na, das glaube ich Ihnen jetzt nicht so ganz und bei Ihrer Partei geht es ja jetzt wirklich ums Ganze. Das hat Sigmar Gabriel noch mal klar gemacht.

Schröder: Also, wenn Sie das meinen …

Hassel: … tun Sie sich in irgendeiner Form vorstellen, doch noch stärker …

Schröder: … natürlich, wenn der Kandidat möchte, dass ich bei der einen oder anderen Veranstaltung dabei sein soll, dann werde ich das natürlich tun. Ich bin ja seit mehr als 50 Jahren Sozialdemokrat und das wirft man ja nicht ab wie man einen Mantel an der Garderobe aufhängt. Nein, nein, ich würde mich, wenn gewünscht, schon einmischen, aber wesentlich nicht in die operative Politik. Das müssen die tun, die das jetzt auch verantworten müssen. Die müssen, wenn Sie so wollen, die Beinfreiheit haben, ohne dass da irgend Älterer dazwischen redet. Das habe ich nicht gemocht, als ich so weit war und deswegen werde ich mich da sehr diszipliniert verhalten. o

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2017, 20:08:12