Die Wut über eine angebliche politische Arroganz entlädt sich auch immer wieder bei Wahlkampfauftritten der Bundeskanzlerin. Quelle: imago/Christian Thiel

Das “Raumschiff Berlin” ist zu unsensibel

Gepostet am 15.09.2017 um 16:35 Uhr

Im aktuellen Ranking schafft es die AfD auf ein zweistelliges Ergebnis. Ihre Wähler sind wütend auf die politische Klasse, auf Merkels Entscheidungen. Thomas Kreutzmann über die „ARD-Deutschlandtrends“.

Spitzensportler haben einen Tunnelblick. Sie sind dermaßen auf ihren Zieleinlauf konzentriert, dass sie links und rechts nichts wahrnehmen. Sie wollen auch gar nichts wahrnehmen, schon gar nichts Störendes. Genauso muss man sich Spitzenpolitiker im Wahlkampf vorstellen. Niederschmetterende Momentaufnahmen wie „derzeit 20 Prozent“ für die SPD darf ein Martin Schulz erst gar nicht näher an sich heranlassen. Sonst könnte er gleich das durchgeschwitzte Handtuch werfen.

Der Kampf um Platz Drei
Auch Christian Lindner wir die neusten Zahlen des ARD-„Deutschlandtrends“ nur als hastige Momentaufnahme aus dem Augenwinkel heraus wahrnehmen: 9, 5 Prozent – das ist noch nicht sein Ziel. Es ist eben knapp an der Zweistelligkeit vorbei. Erst ein Ergebnis über zehn Prozent brächte ihn nach seiner furiosen, jahrelangen Wiederaufbauarbeit in die absolute Königsklasse deutscher Parlamentarier. Aber sein wirkliches Ziel ist es, stärker als die AfD zu werden. Von null auf Platz drei – ähnliche Auferstehungs-Karrieren gäbe es selbst in der Fußball-Bundesliga selten.

Aber davor wäre nach derzeitigem Stand eben die „Alternative zu Deutschland“. Sie nimmt zweistellig Platz drei im Parteien-Ranking laut infratest-dimap-Umfrage ein. Über sie und ihre Wähler lernen wir eine Menge im „Deutschlandtrend“. Aus der Partei der Euro-Gegner ist eine Einthemen-Partei der Zuwanderungsgegner geworden. Und damit vor allem eine Protestpartei gegen die „politische Klasse“, die es „denen da oben“ mal so richtig zeigen soll. Anders wäre nicht zu erklären, dass 20 Prozent der Befragten eine parlamentarische Rolle der AfD gut finden.

Die Wut über die angebliche “Arroganz der Macht”
Darunter sind offenbar nicht wenige, die das Gefühl haben, vor weitreichenden politischen Entscheidungen nicht genug eingebunden zu werden. Gerade Angela Merkel hat ihren Zorn erregt, weil sie beinahe überfallartig weitreichende Entscheidungen wie den Atomausstieg oder die gestattete Zuwanderung von Flüchtlingen getroffen hat. Der Zorn darüber trifft auf eine ohnehin verbreitete Wut darüber, dass die Kanzlerin immer mal wieder Entscheidungen für „alternativlos“ erklärt hat. Motto: Da gibt es nichts zu diskutieren.

Auch wenn sie bei vielen Alleingängen in der Sache Recht hatte und hat: „Darüber will ich nicht reden“ ist kein guter Zug für eine Demokratin, und das dürfte ihr inzwischen auch klar sein, denn sie hat ihren Kommunikationsstil gerade im Wahlkampf deutlich verändert. Doch die „Arroganz der Macht” verkörpert sie für ihre teils hasserfüllten Gegner perfekt. Merkel steht für sie stellvertretend für die gesamte politische Klasse, deren Sprache inzwischen oft fast genauso kompliziert geworden ist wie die Probleme, die sie damit beschreibt.

Eine längere Legislaturperiode wäre undemokratisch
Die Wut darüber zahlt bei der AfD ein, und zwar laut dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend gewaltig. Wie in diesem Klima viele Parteien darüber nachdenken können, ein Stück Demokratie zu kappen und die Wahlperiode von vier auf fünf Jahre zu verlängern, kann man nicht nachvollziehen. Das hieße ja, die Regierten deutlich seltener als bisher befragen und entscheiden zu lassen. Das wäre einfach dämlich und undemokratisch. Und Wasser auf die klappernden Mühlen der AfD. Wie abgehoben sind sie bei CDU/CSU, SPD, Linken und Grünen, sich solchen irren Gedankenspielen hinzugeben?

Eins zeigt es auf jeden Fall: im „Raumschiff Berlin“ schwinden die Sensibilitäten der PolitikerInnen für Stimmungen und Bedürfnisse genauso wie früher im „ Raumschiff Bonn“. Die Quittung auch dafür zeigt sich ebenso nüchtern wie schonungslos in den neuen Zahlen des ARD-„Deutschlandtrends“.

Zuletzt aktualisiert: 14.12.2017, 07:06:23