Was ist eigentlich mit der Corona-App?

Gepostet am 29.05.2020 um 18:24 Uhr

Zentral oder dezentral, GPS oder Bluetooth – über die Corona-App wurde viel gestritten. Laut Regierung könnte sie Mitte Juni am Start sein. Doch wird eine App jetzt, da die Pandemie abklingt, überhaupt noch gebraucht? Von Andreas Reuter.

Zentral oder dezentral, GPS oder Bluetooth – über die Corona-App wurde viel gestritten. Laut Regierung könnte sie Mitte Juni am Start sein. Doch wird eine App jetzt, da die Pandemie abklingt, überhaupt noch gebraucht?

Von Andreas Reuter, ARD-Hauptstadtstudio

Eigentlich sollte die deutsche Corona-App ja schon zu Ostern fertig sein. Christian Drosten, der Chef-Virologe der Berliner Charité und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, waren sich jedenfalls früh einig, „dass so eine Mobilfunk-App einfach her muss und möglichst viele Leute überzeugt werden sollten, da mitzumachen“. Die App sei „einer der entscheidenden Schlüssel, wenn nicht sogar der entscheidende Schlüssel“ zur Eindämmung der Pandemie.

Wenn ein Handy die Tracing-App geladen hat, scannt es dauernd seine Umgebung ab. Welches andere Handy ist da noch? Wie nahe ist es, und wie lange?

Hat sich ein Handy-Besitzer infiziert, werden alle anderen Handy-Nutzer gewarnt, die sich zehn Minuten oder länger im gefährlichen Abstand von unter zwei Metern aufgehalten haben.

ine Frau blickt auf dem Alexanderplatz auf ihr Smartphone. Die Bundesregierung setzt große Hoffnungen in eine App zur Nachverfolgung von Corona-Infektionsketten, die aktuell in Berlin getestet wird.

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Eine App und die Frage des Vertrauens

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Regierung rechnet jetzt bis Mitte Juni mit App

Die Grundidee ist geblieben, aber die Entwicklung schleppte sich hin. Inzwischen lautet die Prognose von Bundesinnenminister Horst Seehofer: „Ich bin zuversichtlich, dass wir in der Bundesrepublik Deutschland um Mitte Juni diese berühmte Warn-App zur Verfügung haben.“

Dass es so lange dauert, lag auch an Jens Spahn, der – wie Kritiker sagen – zweimal aufs falsche Pferd gesetzt hat. Erst wollte er GPS-Daten und Funkzellen-Ortung nutzen. Dann der Schwenk zu Bluetooth. Die Abstands-Messung zwischen zwei Handys sollen nun die kleinen Sender übernehmen, die auch Töne vom Handy zu drahtlosen Kopfhörern übertragen.

Eine Frau steht mit Mundschutz am Bahnsteig und bedient ihr Smartphone

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Daran hakt es bei der Corona-App

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Erst zentral, nun dezentral

Dann der Streit über die Frage, wo die Daten abgelegt werden. Spahn wollte sie zentral speichern lassen. Datenschützer schlugen Alarm, und forderten, dass nur die Handys selbst speichern sollen, welchem anderen Handy sie begegnen. Sogar das internationale Forscher- und Entwicklerkonsortium, dass die App ursprünglich entwickeln wollte, zerlegte sich über diesen Streit.

Und Spahn schwenkte um: zur dezentralen Speicherung nur auf den Handys. „Die Corona-App ist beinahe ganz an die Wand gefahren, aber das Steuer wurde noch einmal herumgerissen. Wir haben noch eine letzte Chance. Wenn das jetzt wieder in den Sand gefahren wird, haben wir keine weitere Möglichkeit“, sagte Anke Domscheid-Berg, Digital-Expertin der Linkspartei.

Um diese letzte Chance kümmern sich jetzt die ganz Großen. Apple und Google stellen die Schnittstellen bereit, SAP und Telekom übernehmen die Entwicklung der deutschen App.

Eine Hand hält ein Smartphone, auf dem die dp3t-App geöffnet ist, mit der die Ausbreitung des Coronavirus besser verfolgt werden soll.

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Gerade aufgrund der Lockerungen ist App nötig

Derweil ist die Pandemie erst einmal weithin abgeklungen, auch ohne Tracing-App. Aber gebraucht wird sie trotzdem, sagt Kanzleramtsminister Helge Braun im Interview mit dem Fernsehsender RTL:

„Die brauchen wir jetzt eigentlich noch viel mehr, denn was in den nächsten Wochen als Öffnungsschritt passiert, ist eben mehr soziales Leben. Also auch viele Begegnungen mit fremden Menschen. Natürlich muss man darauf achten, zu denen Abstand zu halten, aber wenn das – zum Beispiel im Bus – nicht gelingt, dann hilft halt unsere Corona-App, dass man genau Bescheid weiß.“

Vielleicht, so die Hoffnung, kann die Corona-App dazu beitragen, die befürchtete zweite Infektionswelle zu vermeiden

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05:00:00 Uhr, 30.05.2020

Die Flop-App – Australiens Corona-Tracing
Holger Senzel, ARD Singapur
11:09:00 Uhr, 30.05.2020

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. Mai 2020 um 18:07 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 23.09.2020, 04:54:33