Langer Shutdown oder Boom im Sommer?

Gepostet am 31.03.2020 um 20:51 Uhr

Je länger das Leben in Deutschland still steht, desto mehr schrumpft die Wirtschaft. Die einen warnen vor katastrophalen Folgen – andere hoffen auf eine Hochphase noch diesen Sommer. Von Daniel Pokraka.

Je länger das Leben in Deutschland still steht, desto mehr schrumpft die Wirtschaft. Die einen warnen vor katastrophalen Folgen – andere hoffen auf eine Hochphase noch diesen Sommer.

Von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn man den Gegner, gegen den man kämpft, nicht richtig kennt, dann ist das ein Problem. Wie groß, wie tiefgreifend die Corona-Krise ist – auf diese Frage gibt es heute noch keine Antwort.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat das kürzlich versucht. Dessen Umfrage bei 15.000 Unternehmen aus allen Regionen und Branchen ergab, dass mehr als 80 Prozent der Firmen in diesem Jahr einen Umsatzrückgang erwarten. Und fast jedes fünfte Unternehmen befürchtet eine Insolvenz.

DIHK-Präsident Eric Schweitzer hofft daher auf „Bremseffekte“ bei den Corona-Infektionen und dadurch auf eine Rückkehr zu einem halbwegs normalen Wirtschaftsleben.

 

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Ziemlich klar scheint schon jetzt, dass an einer Rezession wegen der Corona-Krise kein Weg vorbeiführt. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung geht in seinem optimistischten von drei Szenarien davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 2,8 Prozent schrumpft. Zu Grunde legen die sogenannten Wirtschaftsweisen bei diesem Szenario einen fünfwöchigen Shutdown und eine dreiwöchige Erholungsphase. Doch niemand weiß, ob die Auszeit des öffentlichen Lebens nicht deutlich länger dauert – und die Rezession tiefer ausfällt.

Arbeitgeber fordern Nachschlag

Entsprechend machen die großen Wirtschaftsverbände nach und nach deutlich, dass sie von der Politik weitere Hilfe erwarten – zusätzlich zu den schon beschlossenen, milliardenschweren Unterstützungsleistungen, die die Verbände ausdrücklich gelobt hatten. Darunter wären etwa wie die Ausweitungen beim Kurzarbeitergeld zu nennen.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer fordert einen Nachschlag: „Die Frist zur Bezugsdauer von Kurzarbeitergeld sollte ab jetzt neu beginnen, damit Betriebe, die bislang schon in Kurzarbeit waren, nahtlos weitere zwölf Monate Kurzarbeit unter den neuen Regelungen durchführen können.“

 

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BDI fordert mehr Hilfe vom Staat

Schon vorher hatte der Bundesverband der Deutschen Industrie in einem 8-Punkte-Plan zusätzliche Erleichterungen für die Wirtschaft angemahnt. Den Unternehmen würden demnach zum Beispiel ein Aufschub bei Lohnsteuerzahlungen helfen, mehr Zeit zur Erfüllung bestimmter Anforderungen und eine Rückzahlung von Umsatzsteuervorauszahlungen. Außerdem erneuerte der BDI bestehende Forderungen wie die nach einer Begrenzung der Steuerbelastung für Unternehmen auf höchstens 25 Prozent – ein Wunsch aus der Zeit vor Corona für die Zeit nach Corona.

Politik reagiert verhalten

In den Regierungsparteien hat nicht jeder große Lust, über neue Forderungen zu sprechen, die über die von Regierung und Bundestag beschlossenen Wirtschaftshilfen hinausgehen. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Bernd Westphal, will zunächst abwarten, was das staatliche Milliardenprogramm bringt: „Wie bei einem verabreichten Medikament müssen wir jetzt den zahlreichen Maßnahmen die Chance geben, ihre Wirkung zu entfalten“, sagte er dem ARD-Hauptstadtstudio. Wie lange die Wirtschaft noch Hilfe braucht und bekommt, lässt sich nach Westphals Meinung nicht seriös beantworten.

Die FDP befürchtet, dass das staatliche Milliardenprogramm nicht ausreicht. Fraktionsvize Michael Theurer plädiert für staatliche Entschädigungen für diejenigen, die unter den Folgen der Beschränkungen leiden: „Die Solidargemeinschaft braucht das Herunterfahren, die Solidargemeinschaft sollte auch gemeinsam die Kosten tragen.“ Sollte der Shutdown ein halbes Jahr dauern, hätte dies nach Meinung des FDP-Politikers „katastrophale Folgen“, die auch der Staat kaum mildern könnte.

Vor einer anderen Konsequenz aus der Corona-Krise warnt die Linkspartei. Deren Wirtschaftspolitiker Klaus Ernst sagte dem ARD-Hauptstadtstudio, je länger die Krise dauere, „desto mehr kleinere und mittlere Unternehmen sind in ihrer Existenz gefährdet und desto mehr wird sich die Wirtschaftsleistung hin zu größeren Unternehmen verlagern.“ Die Folgen: weniger Beschäftigung und weniger Vielfalt, befürchtet Ernst. Es sei also gar nicht so sehr die Frage, ob die Wirtschaft die Corona-Krise überstehe, sondern wie.

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Exit-Strategie gefordert

Einigkeit besteht unter den Politikern darin, dass die Krise drastische Folgen hat. FDP-Mann Theurer reiht sich deshalb in den Chor derer ein, die eine Exit-Strategie für den Shutdown befürworten. Es müsse darüber diskutiert werden, wie und mit welchen Schutzmaßnahmen man „in einigen Wochen das Herunterfahren lockern kann“, sagte Theurer der ARD.

 

Boomphase im Hochsommer?

Helfen könnten dabei die steigenden Temperaturen der kommenden Wochen und Monate, die es dem Coronavirus unter Umständen schwerer machen, sich weiter auszubreiten. Sollte das der Fall sein, glaubt der Grünen-Industriepolitiker Dieter Janecek, „dann würde das auch bedeuten, dass die Zeit von Juni bis August, also die Monate, in denen wir üblicherweise Sommerurlaub machen, Hochphasen des Wirtschaftslebens sein könnten.“ Das wiederum würde dazu führen, dass es wieder mehr Corona-Infektionen gäbe, sagt Janecek – und dann wieder Einschränkungen, ähnlich wie zurzeit. Die müssten dann mal gelockert und mal wieder verschärft werden – je nach Lage in den Krankenhäusern.

Wann für deutsche Unternehmen wieder so etwas wie Normalität herrscht, wie viele Firmen die Corona-Krise nicht überstehen werden – das ist ungewiss. Sicher scheint nur: Die Krise ist tiefgreifend und auf absehbare Zeit spürbar.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. März 2020 um 20:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 29.10.2020, 14:34:12