Corona-Politik ist Merkel-Politik

Gepostet am 16.04.2020 um 02:53 Uhr

Die Lockerungen der Corona-Beschränkungen sind keine Knaller-Politik, keine große Geste, am Ende auch kein Wettstreit. Stattdessen wird behutsam vorgegangen – also ganz im Merkel-Stil, meint Angela Ulrich.

Die Lockerungen der Corona-Beschränkungen sind keine Knaller-Politik, keine große Geste, am Ende auch kein Wettstreit. Stattdessen wird behutsam vorgegangen – also ganz im Merkel-Stil.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist kein großer Aufschlag. Es sind ganz, ganz kleine Schritte. Angela Merkel spricht selbst von einem „zerbrechlichen Zwischenerfolg“ im Kampf gegen das Corona-Virus. Hamburgs Erster Bürgermeister Tschentscher von „dünnem Eis“. Und so müssen wir weiter Abstand halten, uns einschränken, Kinder nicht in Kitas schicken, auch die Schulen öffnen nur ganz langsam, schrittweise, beginnend in drei Wochen. Keine Knaller-Politik also, keine große Geste, am Ende auch kein Wettstreit unter den Ministerpräsidenten um den schnellsten Ausstieg aus dem Lockdown.

Es geht behutsam voran, mit ersten Corona-Lockerungsübungen, und das ist genau richtig so. Eine Politik, die auf Sicht fährt, die vorsichtig einzelne Maßnahmen abwägt und dann durchsetzt, hat sich bewährt in dieser Krise. Genauso handelt die Kanzlerin schon lange. Wurde ihr das immer wieder als Visionslosigkeit angekreidet, zahlt es sich jetzt aus. Der Kampf gegen das Coronavirus fordert Bedachtsamkeit, Augenmaß – aber auch Mut, vorsichtige Lockerungen einzukassieren, wenn Infektionszahlen wieder nach oben schnellen.

Länder müssen nicht alles im Gleichschritt tun

Eine riesige Mehrheit der Bürger hält sich an die Kontaktbeschränkungen. Das nutzt die Bundesregierung jetzt, und bittet weiter um Geduld. Hier spielen auch die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten eine wichtige Rolle: Sie müssen nicht alles im Gleichschritt tun. Es ist nicht schlimm, wenn Bayern seine Schulen noch etwas länger geschlossen hält, NRW – mit früherem Sommerferienbeginn – etwas mehr auf Tempo macht. Aber einen Grundkonsens braucht es, gleiche Maßstäbe. Dass das in der Abstimmung mit der Kanzlerin geglückt ist, ist der Haupterfolg dieses Treffens. Angesichts des Streits zuvor war das nicht immer zu erwarten gewesen.

Und jetzt? Tastet sich die Bundesregierung weiter vor. Schritt für Schritt. Was zieht die Öffnung kleinerer Läden nach sich? Halten sich die Kunden weiter an Abstandsregelungen? Bleiben die Infektionszahlen kontrollierbar, wird Schutzkleidung endlich ausreichend lieferbar? Können auch irgendwann Kinos wieder öffnen? Gar Fußball gespielt werden, vor Publikum? Es sind weiter die kleinen Fragen, die aber jede für sich enorm wichtig ist, die tagtäglich die Kanzlerin mit ihren Ministerinnen und Ministern beschäftigen wird. Auch wenn Kritik lauter wird – Merkel wird Geduld bewahren, weil es ihr Naturell ist.

In der Klimakrise bräuchte die Kanzlerin mehr Mut und Schwung, weil hier Aktion verlangt ist für Veränderung. Beides hat Merkel oft vermissen lassen. Im Corona-Lockdown ist es anders: da ist Augenmaß gefragt, Ruhe, Bedachtsamkeit, bis hin zum Stillstand. Genau Merkels Qualitäten.  

Kommentar: Stillstand als Chance – Corona-Politik ist Merkel-Politik
Angela Ulrich, ARD Berlin
00:14:00 Uhr, 16.04.2020

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. April 2020 um 07:08 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 07.07.2020, 14:31:21