CDU und SPD auf der Suche nach ihrer Identität

Gepostet am 05.11.2018 um 17:45 Uhr

Während die SPD nur über Inhalte und nicht über Personalien reden will, scheint sich die CDU an der Aussicht auf eine neue Parteiführung zu berauschen. Martin Mair kommentiert die Findungsphase der GroKo-Partner.

Die CDU ist gerade zu berauscht. So manchem führenden Unionisten vernebelt die Suche nach einem neuen Parteichef derzeit die Sinne: “Eine historische Zäsur”, “die Partei lebt” oder gar “Festspiele der innerparteilichen Demokratie” – kein Superlativ scheint zu groß für das, was gerade passiert. Und fast ist man versucht, der Union abzukaufen, wie sehr sie sich auf die Werbetour der Anwärter auf den Chefsessel und den Parteitag freut. Hurra! Nach 1971 gibt es tatsächlich eine echte Wahl um das Spitzenamt der CDU. Sagenhaft!

Doch die Wahrheit ist nicht ganz so schmissig, wie das Bewerberfilmchen von Jens Spahn. Oder forsch wie Friedrich Merzens Antrittserklärung vor der Hauptstadtpresse. Denn in der CDU herrscht große Unsicherheit, ja Verunsicherung. Merkels überraschender Rückzug ist ein Betriebsunfall, der die Union erschüttert. Schließlich war es das Erfolgsgeheimnis der Konservativen immer: Streit im Vorfeld geräuschlos ausräumen, wichtige Entscheidungen vorher klären und dann geschlossen für oder gegen etwas stimmen.

Angst vor der eigenen Courage

Dieser Tage lernt die CDU zum ersten Mal seit Jahrzehnten: Lebendig sein ist ganz schön stressig. Und die Festspiele der innerparteilichen Demokratie sind weder gelernt noch geübt. Weshalb die gleichen Personen, die sich an der Wahl berauschen gleich warnen: Zulange dürfe sich die Union jetzt nicht mit sich selbst beschäftigen. Das ist nichts anderes als die Angst vor der eigenen Courage.

Die hat die SPD in Punkto Selbstbeschäftigung nun wirklich im Überfluss: Die Partei hat Vorsitzende am Band verschlissen, die zunächst gerne als Retter gehypt werden, ehe sie in der Versenkung verschwinden. Im Vergleich dazu sind Sternschnuppen fast schon ein abfüllender Spielfilm. Andrea Nahles will nicht im SPD-Himmel verglühen, doch das Schicksal droht auch ihr. So sehr sie sich dieser Tage bemüht zu erklären: Nein, wir reden nicht über neues Personal, sondern über Inhalte. Man darf gespannt sein, wie kurz die Halbwertszeit dieser Erklärung ist.

Rolle, Selbstverständnis und Identität

Nach den Klausuren von CDU und SPD ist jedenfalls klar: Die Union verkauft sich wieder einmal besser als es die Sozialdemokraten können. Aber beide Volksparteien sind in einer Findungsphase: Nach der eigenen Rolle, dem Selbstverständnis, der Identität. Gut so! Denn an inhaltlichen Debatten hat es uns viel zu lange gefehlt – an leidenschaftlicher Politik, die einen Koalitionsvertrag nicht nur abarbeitet. Sondern Ideen hat, Esprit versprüht.

Vielleicht ist es naiv zu hoffen, dass sich die beiden Volksparteien neu erfinden. Gut möglich, dass am Ende die GroKo nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern aus reiner Ermüdung platzt. Doch die Chance für einen Neuanfang besteht. Und – um ein Lieblingswort der Kanzlerin zu zitieren – all das ist wirklich alternativlos. Merkel hat das im Zusammenhang mit den Diskussionen in ihrer Partei natürlich nicht gesagt. Schade eigentlich. Denn zum ersten und einzigen Mal hätte sie diesen Begriff zu recht verwendet.

Korrespondent

Martin Mair

Martin Mair
Hörfunkkorrespondent

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Zuletzt aktualisiert: 15.11.2018, 15:34:42