100 Prozent gelassene Ratlosigkeit

Gepostet am 20.03.2017 um 16:25 Uhr

Dem Höhenflug von SPD-Chef Schulz versucht die CDU mit demonstrativer Gelassenheit zu begegnen. Doch hinter der Fassade wird nach einer Strategie gesucht. Denn Merkels “Sie kennen mich” von 2013 dürfte dieses Jahr nicht reichen. Von M. Zahn.

Dem Höhenflug von SPD-Chef Schulz versucht die CDU mit demonstrativer Gelassenheit zu begegnen. Doch hinter der Fassade wird nach einer Strategie gesucht. Denn Merkels “Sie kennen mich” von 2013 dürfte dieses Jahr nicht reichen.

Von Mathias Zahn, ARD-Hauptstadtstudio

100 Prozent – das hat es selbst bei Angela Merkel nie gegeben. Bloß nicht nervös wirken, scheint jetzt mehr denn je in der CDU zu gelten. Auffallend unaufgeregt versucht Generalsekretär Peter Tauber die Luft rauszulassen aus dem Phänomen Martin Schulz. “Na, erstmal ist es hundertprozentig unkonkret, was die SPD da gestern abgefeiert hat.”

Taubers Strategie: entzaubern über Inhalte. Das ist durchaus riskant, denn auch die CDU hat bisher nur wenig Konkretes in ihrem Schaufenster liegen: “Die schwarze Null” und “Keine Steuererhöhungen”. Nun gut – bei der SPD ist es eben noch weniger, scheint Taubers Botschaft zu sein. “Der Schulz liefert nicht. Das läuft bisher alles nach dem Motto ‘Vorwärts Genossen, wir müssen zurück’ – eine Abarbeitung an der Agenda 2010”, kritisiert der Generalsekretär. Die CDU rede lieber über Deutschland 2020 und 2025.

Merkel als Gewinn verkaufen

Das ist Taubers Strategie 2: Die SPD als rückwärtsgewandt brandmarken und ihren Star Schulz als Miesmacher hinstellen. “Mich stört sehr, dass er das Land eigentlich schlecht redet. Wir können Dinge natürlich immer noch besser machen, aber vieles läuft in Deutschland gerade im Vergleich zu 2005, als Rot-Grün abgewählt wurde, doch sehr gut.”

Strategie 3: die Offensive. Merkels Kanzlerschaft als Gewinn für Deutschland verkaufen. Vor der letzten Bundestagswahl reichte Merkel ihr berühmt gewordenes: “Sie kennen mich.” Dieses Mal werde das nicht mehr reichen, unken die Pessimisten in der CDU. Sie warnen vor einem Ermüdungsbruch zwischen Merkel und den Deutschen – nach zwölf Jahren Kanzlerschaft.

Reaktionen auf die 100-Prozent-Wahl von Martin Schulz
tagesschau24 12:07:00 Uhr, 20.03.2017

Neues, unverbrauchtes Gesicht

Martin Schulz steht für das Neue, ist ein unverbrauchtes Gesicht. Und Merkel? Wird sich nicht mehr ändern. Das ist auch den CDU-Wahlkampfstrategen klar. Und so läuft es am Ende doch wieder auf das “Sie kennen mich” hinaus. Was sich bei Peter Tauber so anhört: “Angela Merkel – da wissen die Menschen, wofür sie steht. Sie hält Europa zusammen. Sie vertritt die Interessen Deutschlands in der Welt.”

Und Merkel selbst setzt gegen Schulz auf ihre Lieblingsstrategie: Abwarten. Gewählt wird erst in einem halben Jahr. Bis dahin kann noch viel passieren. Es könnte viele Gelegenheiten für Schulz geben, sich selbst zu entzaubern, hofft Merkel.

Schwere Zeit für CDU-Wahlkämpfer

Sie verlangt damit vor allem ihren derzeit schon wahlkämpfenden Parteifreunden in den Ländern viel ab. Denen ist nicht nach Geduld: CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer könnte schon am kommenden Sonntag im Saarland das erste Schulz-Opfer werden. Sie spricht sich mit Blick auf die gestrige Schulz-Krönungsmesse bei der SPD selbst Mut zu: “Das war von der SPD perfekt inszeniert”, sagt sie. Inwieweit das alltagstauglich sei, werde sich dann in den kommenden Wochen zeigen.

Nach dem Saarland wird in den nächsten Wochen auch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gewählt. Sollten alle drei Wahlen für die CDU verloren gehen, dürfte es vorbei sein mit 100 Prozent demonstrativer Gelassenheit.

Der Schulz-Hype und die CDU
M. Zahn, ARD Berlin
15:06:00 Uhr, 20.03.2017

Zuletzt aktualisiert: 26.07.2017, 08:46:48