Eine Rede, die zu Tränen rührt

Gepostet am 31.01.2018 um 18:19 Uhr

Viele haben Tränen in den Augen, als die Holocaust-Überlebende Lasker-Wallfisch im Bundestag spricht. In einer bewegenden Rede appelliert die 92-Jährige, dem Hass keine Chance mehr zu geben. Von Sabine Müller.

Viele haben Tränen in den Augen, als die Holocaust-Überlebende Lasker-Wallfisch im Bundestag spricht. In einer bewegenden Rede appelliert die 92-Jährige, dem Hass keine Chance mehr zu geben.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Der Musiker Raphael Wallfisch spielt das Cello – das Instrument, das seiner Mutter im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau das Leben rettete.

Anita Lasker-Wallfisch sagt: „Wenn man irgendwie gebraucht wird, hat man eine winzige Chance. Ich hatte diese Chance. Ich wurde gebraucht.“ Und zwar als Cellistin im Mädchenorchester des Lagers. Mit klarer, kräftiger Stimme erzählt die 92-jährige Lasker-Wallfisch, wie sie für heimkehrende Lagerarbeiter spielte und sonntags Konzerte für die Wärter gab.

Untergebracht war sie im Block 12, ganz nah an Rampe und Krematorium: „Wir konnten alles sehen. Die Ankunftszeremonie, die Selektionen, die Kolonnen von Menschen, die in Richtung Gaskammer gingen und in Rauch verwandelt wurden.“

Holocaust-Gedenken im Bundestag
tagesschau24 17:13:00 Uhr, 31.01.2018

Anita Lasker-Wallfisch

Anita Lasker-Wallfisch im Bundestag

Die Cellistin von Auschwitz

Anita Lasker wird Ende 1943 aus der Haft nach Auschwitz deportiert. Sie entgeht dem Tod in den Gaskammern, da sie Cello spielen kann. | mehr

Streckenweise mit trockenem Humor

Die Holocaust-Überlebende erzählt vom Leben, bevor sie den gelben Judenstern tragen musste, von der Deportation ihrer Eltern, die sie nie wieder sah, von den Schrecken der Lager Auschwitz und Bergen-Belsen, von der Befreiung mit 19 Jahren. Oft mit trockenem Humor, teilweise fast lakonisch: „Wer hätte geglaubt, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden?“

Vieles ist wie immer bei dieser 23. Holocaust-Gedenkstunde im Bundestag – es ist voll und meist ganz still, viele Zuhörer haben Tränen in den Augen. Aber etwas ist diesmal anders: Der Applaus ist nicht immer einhellig. An einigen Stellen klatschen Abgeordnete der AfD nicht mit. Etwa als Anita Lasker-Wallfisch die deutsche Flüchtlingspolitik lobt: „Für uns haben sich die Grenzen damals hermetisch geschlossen und nicht wie hier geöffnet. Dank dieser unglaublich generösen, mutigen, menschlichen Geste, die hier gemacht wurde.“

Oder als Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble erklärt: „Wer Hass schürt, beutet die Verunsicherung, die Ängste von Menschen aus. Wer vom Volk spricht, aber nur bestimmte Teile der Bevölkerung meint, legt Hand an unsere Ordnung.“

Mahnende Worte von Schäuble

Schäuble betont, Judenhass habe in Deutschland keinen Platz – das müssten alle, die hier leben wollen, akzeptieren, auch alle Zuwanderer. Der Bundestagspräsident mahnt, nichts als selbstverständlich hinzu nehmen – nicht die Demokratie, nicht den Rechtsstaat, nicht die Gewaltenteilung: „An Auschwitz scheitert jede Gewissheit. Und deshalb müssen wir sensibel sein, wachsam, selbstkritisch. Je weiter die Zeit des Nationalsozialismus zurückliegt, desto wichtiger wird die Erinnerung.“

Redet miteinander, baut Brücken, rät Anita Lasker-Wallfisch und: Hasst nicht. Das hat sie selbst erst lernen müssen – sie, die sich eigentlich geschworen hatte, nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen: „Mein Hass auf alles, was deutsch war, war grenzenlos. Wie Sie sehen, bin ich wortbrüchig geworden, schon vor vielen, vielen Jahren – und ich bereue es nicht. Hass ist ganz einfach ein Gift und letzten Endes, vergiftet man sich selbst.“

Angesichts des wieder wachsenden Antisemitismus sagt die 92-Jährige: „Alles, was bleibt, ist Hoffnung. Die Hoffnung, dass womöglich letzten Endes der Verstand siegt.“

Holocaust-Gedenken im Bundestag
Sabine Müller, ARD Berlin
17:15:00 Uhr, 31.01.2018

Zuletzt aktualisiert: 22.11.2019, 10:33:50