IS bekennt sich – Täter auf der Flucht

Gepostet am 21.12.2016 um 00:06 Uhr

Die Terrormiliz “Islamischer Staat” hat den Angriff auf dem Weihnachtsmarkt für sich in Anspruch genommen. Überprüfen lässt sich das nicht – der Täter ist weiter auf der Flucht. Ein festgenommener Verdächtiger erwies sich als unschuldig. Von J. Seisselberg.

Die Terrormiliz “Islamischer Staat” hat den Angriff auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin für sich in Anspruch genommen. Überprüfen lässt sich das nicht – der Täter ist weiter auf der Flucht. Ein festgenommener Verdächtiger erwies sich als unschuldig.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Das Bekenntnis kam am frühen Abend: Der Täter sei ein Soldat des “Islamischen Staates” (IS), meldete die Agentur Amaq, die als Propagandasprachrohr der Terrormiliz gilt. Weitere Details werden in den Bekennerzeilen nicht genannt. Sollte wirklich der IS hinter dem Attentat stehen, wäre dies der bislang größte islamistische Anschlag in Deutschland.

Innenminister Thomas de Maizière betont in der ARD, auf der Suche nach dem Täter oder den Tätern gebe es Ermittlungsansätze. Er mahnt aber zur Besonnenheit: “Wir sollten die Sicherheitsbehörden ihre Arbeit machen lassen, die arbeiten mit Hochdruck und niemand wird ruhen, bis nicht der Täter oder die Täter gefasst sind.”

Polizist auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche

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Verdächtiger erwies sich als unschuldig

Zuvor hatten Polizei und Staatsanwaltschaft ihren ersten Fehlschlag einräumen müssen. Der fast den ganzen Tag als tatverdächtig gehandelte Asylbewerber wurde am Abend freigelassen. Die Polizei musste einräumen, dass alle, sehr umfangreichen Untersuchungen, keinerlei Hinweise darauf gegeben hätten, dass der 23 Jahre alte Pakistaner in den Anschlag auf dem Breitscheidplatz verwickelt ist.

Offensichtlich war der junge Mann unmittelbar nach der Tat aufgrund nur sehr vager Hinweise festgenommen worden. Augenzeugen hatten eine Beschreibung des Täters geliefert, wie er nach dem Attentat aus dem Fahrzeug geklettert und Richtung Tiergarten geflüchtet sei.

De Maizière nimmt Polizei in Schutz

Aufgrund dieser Beschreibung wurde kurz darauf der – wie sich jetzt herausgestellt hat: unschuldige – Asylbewerber an der wenige Kilometer entfernten Siegessäule von Streifenpolizisten festgenommen.

Trotz dieses Fehlschlages verteidigt De Maizière im ZDF die bisherige Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft: “Zunächst ist es richtig, wenn es einen solchen Verdacht gibt, dass man dann einen Menschen festnimmt und den Vorwurf klärt. Auch das ist nicht vorwerfbar.”

Die Fakten * Am Montagabend gegen 20 Uhr rast ein Sattelschlepper auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin. * Dabei sterben mindestens zwölf Menschen, 49 werden verletzt. Am Dienstagabend befinden sich 14 Schwerverletzte noch in Lebensgefahr. * Der Lkw gehört einer polnischen Spedition mit Sitz in Gryfino bei Stettin. * Nach der Tat wird in der Nähe der Berliner Siegessäule ein Mann festgenommen. * Der Festgenommene stammt aus Pakistan, reiste am 31.12.2015 über Passau nach Deutschland ein und tauchte im Februar in Berlin auf. Mittlerweile ist er wieder frei, weil sich gegen den Mann kein dringender Tatbestand ergab. * Von den elf toten Weihnachtsmarktbesuchern wurden sechs identifiziert, sie sind deutsche Staatsbürger. * Auf dem Beifahrersitz des Lkw wird ein Toter entdeckt. Es ist der ursprüngliche Fahrer aus Polen. der Speditionsbesitzer identifizierte ihn auf einem Foto als seinen Cousin. Er wurde erschossen. * Die Polizei spricht von einem Terroranschlag. * Die Terromiliz “Islamischer Staat” reklamierte die Tat für sich. * Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. Die Fragen * Die Identität des Fahrers: Wer fuhr den Lkw und flüchtete dann vom Tatort? * Die Anzahl der Täter: Waren mehrere Menschen an dem Attentat beteiligt? * Der mutmaßliche Lkw-Diebstahl: Wurde der Lkw bereits in Polen gestohlen oder in Berlin, wo er laut Spedition auf dem Weg nach Italien Halt gemacht hatte? * Die Stunden vor der Tat: Wurde der Lkw, wie der Spediteur unter Verweis auf GPS-Daten sagt, am Nachmittag mehrmals gestartet?

Keine Erkenntnisse zum Täter

Ob es konkrete neue Hinweise gibt, will De Maizière mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht sagen. Klar ist: Mit der Freilassung des zu Unrecht verdächtigten Pakistani beginnt die Suche nach dem Täter quasi von vorne. Der Innenminister zur neuen Lage: “Das bedeutet, dass nicht auszuschließen ist, dass der Täter flüchtig ist.”

Und er ist möglicherweise bewaffnet. Nach den bisherigen Erkenntnissen hat der Täter den eigentlichen, aus Polen stammenden Fahrer des Sattelschleppers vor dem Attentat erschossen. Die Tatwaffe konnte die Polizei bislang nicht sicherstellen.

Appell: wachsam, aber nicht ängstlich sein

Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, sagt dazu, die Sicherheitskräfte seien alarmiert, es bestehe aber kein Grund zur Panik. Berlins Bürgermeister Müller rief aufgrund des flüchtigen Täters zur Wachsamkeit, aber auch zur Gelassenheit auf: “Ich glaube, man muss keine Angst machen. Richtig ist, die Augen offen zu halten, sich umzusehen, wachsam zu sein, auch in der Stadt in dieser Situation, in der wir sind. Aber man kann sich im öffentlichen Raum bewegen. Es gibt keinen Grund für Angst oder sich zu Hause einzuschließen.”

Innenminister De Maizière appelliert an die Bevölkerung, bei der Suche nach dem Täter weiter zu helfen. Wer Hinweise gebe könne, am Tatort Fotos oder Videos gemacht habe, solle diese der Polizei zur Verfügung stellen. Im Internet haben die Sicherheitskräfte eine Seite freigeschaltet, auf der entsprechendes Material hochgeladen werden kann.

Michael Stempfle, ARD Berlin, zum Stand der Ermittlungen
tagesschau24 23:57:00 Uhr, 20.12.2016

Nach dem aktuellen Stand sind beim Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche elf Menschen ums Leben gekommen, außerdem wurde der polnische Fahrer des Lastwagens getötet. Es gab fast 50 Verletzte, nach Angaben des Innenministers befinden sich 14 von ihnen noch in Lebensgefahr.

Islamischer Staat bekennt sich zu Anschlag – Täter auf der Flucht
J. Seisselberg, ARD Berlin
23:14:00 Uhr, 20.12.2016

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. Dezember 2016 um 23.30 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2018, 20:12:47