Die Schere ist weit geöffnet

Gepostet am 10.10.2016 um 17:22 Uhr

Die Einkommen in Deutschland sind nach einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung so ungleich verteilt wie nie zuvor. Auch schaffen es heute weniger Arme aus ihrer Schicht heraus als noch in den 1990er-Jahren. Forscher fordern mehr Anstrengungen in der Bildungspolitik. Von Martin Mair.

Die Einkommen in Deutschland sind nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung so ungleich verteilt wie nie zuvor. Auch schaffen es heute weniger Arme aus ihrer Schicht heraus als noch in den 1990er-Jahren. Forscher raten zu mehr Anstrengungen in der Bildungspolitik.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Die Wirtschaft brummt, Deutschland vermeldet Export-Rekorde, so viele Menschen wie selten zuvor haben einen Job. Man könnte meinen, dass die Chancen auf Wohlstand entsprechend sehr gut sind. Doch das ist weit gefehlt, sagt die Sozialwissenschaftlerin Dorothee Spannagel: “Seit den 90er-Jahren ist auch die Chance für arme Menschen – insbesondere in Ostdeutschland – aufzusteigen, zurückgegangen.”

Die Autorin der Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung belegt das mit vielen Zahlen. Zum Beispiel, dass es heute nicht einmal jeder Zweite schafft, sich aus der Armutsfalle zu befreien. Dazu zählt, wer monatlich weniger als 1000 Euro ausgeben kann. In den 90er- Jahren lag die Quote noch zehn Prozentpunkte höher – vor allem in Ostdeutschland.

“Speziell in Ostdeutschland hatten wir direkt nach der Wiedervereinigung eine historische Sondersituation”, so Spannagel. “Wir haben die westdeutschen Sozialsysteme übernommen, das Wirtschaftssystem. Das trägt zu einem sehr hohen Mobilitätsschub bei, der allerdings schon Mitte der 90er-Jahre fast zum Stehen gekommen ist. Was jetzt speziell im Bereich von Armut eine Rolle spielt, ist natürlich verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit”, sagt sie weiter.

Warnung vor Niedergangsszenarien

Auch auf der anderen Seite der Skala bewegt sich wenig: Reiche bleiben reich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit einem Monatsnettoeinkommen von mindestens 5000 Euro sozial absteigen ist gering. Die Studie der Hans-Böckler-Stiftung belegt viel Bekanntes.

Der Generalsekretär der Caritas,Georg Cremer, widerspricht dem nicht. Trotzdem warnt er vor Niedergangsszenarien, denn Deutschland stehe besser da, als immer wieder behauptet. “Die Mitte ist deutlich stabiler, als es der öffentlichen Debatte entspricht. Meine Sorge ist, dass die Art und Weise, wie wir über den Sozialstaat reden, dass er untergeht, dass er gefährdet ist, dass überall alles abgebaut wird, die Angst in der Mitte befeuert wird. Und eine Mitte, die Angst hat, ist schlecht für die Armen. Sie schottet sich nach unten ab.”

Studie der Hans-Böckler-Stiftung | pdf

Soziale Mobilität nimmt weiter ab

Und das könnte die Verfestigung an den Rändern arm und reich weiter befeuern, und zwar zum Nachteil derer, die wenig haben. Auch diese Erkenntnis ist nicht ganz neu. Dorothee Spannagel gibt offen zu, dass es sie frustriere, weil sich an der Situation wenig ändere. “Man muss immer wieder deutlich darauf hinweisen und es nochmal ganz klar sagen , wo die Probleme liegen, in der Hoffnung, dass es dann auch politisch ankommt”, sagt sie.

Wichtig: ein guter Job

Damit meint sie vor allem die Bildungspolitik. Denn auch das zeigt die Studie: Die höchste Chance auf sozialen Aufstieg bringt ein guter Job. Doch Deutschlands Schulsystem sei undurchlässig – eine Sortiermaschine, die Kinder ihren späteren Platz in der Gesellschaft zuweise. Sprich: Sind die Eltern Akademiker, hat ihr Nachwuchs deutlich bessere Karten, später einmal wohlhabend zu sein. Die Politik müsse das ändern, etwa durch eine höhere Durchlässigkeit im Schulsystem.

“Arm bleibt arm” – Studie der Böckler-Stiftung
M. Mair, ARD Berlin
15:03:00 Uhr, 10.10.2016

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. Oktober 2016 um 15:25 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.07.2018, 13:37:05