Der blaue Stuhl

Gepostet am 23.09.2017 um 10:31 Uhr

Tausende Kandidaten haben bei der Bundestagswahl dasselbe Ziel: Sie wollen in den nächsten vier Jahren auf einem der blauen Stühle im Parlament sitzen. Kilian Pfeffer über die einbeinigen Sessel, deren Bezüge schon 700.000 Euro kosten.

Tausende Kandidaten haben bei der Bundestagswahl dasselbe Ziel: Sie wollen in den nächsten vier Jahren auf einem der blauen Stühle im Parlament sitzen. Die Sessel stehen auf nur einem Bein – und schon sie alle neu zu beziehen, kostete 700.000 Euro.

Von Kilian Pfeffer, ARD-Hauptstadtstudio

700.000 Euro. So viel kostete es im vergangenen Jahr, die Stühle im Bundestag neu zu beziehen. Polster inklusive. 700.000 Euro – da kann man schon mal kurz durchatmen. Einerseits. Andererseits: In der Herzkammer der deutschen Demokratie stehen natürlich keine Klappstühle aus dem Baumarkt.

Spezialanfertigung für Sir Norman Foster

Das Modell heißt “Figura”, entwickelt hat es der Designer Mario Bellini. Hersteller ist die Schweizer Firma Vitra, eine Top-Adresse für Möbeldesign, die in Deutschland in Weil am Rhein eine wichtige Produktionsstätte hat. Der Bezugsstoff ist, das teilt Vitra mit, ein “hochwertiger und langlebiger Wollstoff”.

Es handelt sich um eine Spezialanfertigung für Sir Norman Foster, den Architekten, der das Reichstagsgebäude zum Sitz des Bundestages umbaute. Er wollte auch, dass der Stoff besonders eingefärbt wird: mit “Fosterblau”. Manche finden, das ist blau, andere halten es eher für lila. An den Stühlen, den Bezügen und der Farbe darf nichts verändert werden. Das wurde von Foster vertraglich so festgelegt.

Die 788 Sitze sind nicht alle gleich

Wenn man all das weiß, kann man sich auch vorstellen, warum es nicht so günstig war, die Stühle neu zu beziehen. Aktuell gibt es 788. 630 Sitze für die Abgeordneten, dann welche für die Regierung und für die Bundesratsmitglieder. Ganz unten in der Stuhlhierarchie: vier Hocker. Darauf sitzen die Stenographen. Immerhin erstrahlen auch die Hocker in “Fosterblau”.

Ein Bundestagsstuhl wiegt bis zu 25 Kilo. Die Stühle sehen zwar alle gleich aus, sie sind es aber nicht. Die des Bundesratspräsidenten und der Kanzlerin zum Beispiel haben eine höhere Rückenlehne als die anderen. Das sieht zwar niemand, der nicht ganz genau hinschaut, aber wahrscheinlich fühlt es sich schon etwas majestätischer an, auf diesen Stühlen zu sitzen.

Blau und hart – der Stuhl im Bundestag
Kilian Pfeffer, ARD Berlin
16:25:00 Uhr, 08.09.2017

Nach der Wahl könnte Nachlieferung notwendig werden

Richtige Stuhlbeine haben die Stühle nicht. Sie haben ein Bein, das in eine Hülse im Boden gesteckt wird. Auf den vorderen Plätzen, denen mit Pult, können die Stühle auch vor und zurück bewegt werden, weil sie in einer Art Furche stecken. Das erleichtert es den Abgeordneten aufzustehen. Und bei hitzigen Debatten nervös vor- und zurückzuruckeln.

Möglicherweise steigt die Zahl der Abgeordneten nach der Bundestagswahl deutlich. Das würde bedeuten: weitere Stühle werden benötigt. Doch dazu heißt es beruhigend aus der Pressestelle des Bundestags: Es sind einige Ersatzstühle vorhanden. Und auch die Lieferfirma Vitra teilt schweizerisch-gemütlich mit: Für die Erhaltung und Erweiterung des Bestandes sind langfristige Vorkehrungen getroffen worden.

Zuletzt aktualisiert: 21.11.2017, 21:56:32