Zwei "Raumwelten" hängen in der Halle der österreichischen Botschaft - die Ausstellung ist im dritten Stock untergebracht.

Was tun gegen Politikverdrossenheit? Eine Antwort aus der Kultur

Gepostet am 12.01.2017 um 16:40 Uhr

Wenn man sich ansieht, über wie viele Krisen und Katastrophen tagtäglich berichtet wird, scheint es schlecht auszusehen für Europa. Ein kulturpolitisches Projekt in Berlin will gegensteuern. Beim Startschuss dafür waren sich die Teilnehmer einig: Europa sei viel besser als sein Ruf.

Der Anstoß für das Projekt kam von Beate Winkler. Die Autorin und Malerin, die jahrelang die jetzige EU-Grundrechtsagentur geleitet hat, sieht Europa in der Identitätskrise. Das Alte sei weg, das Neue noch nicht da. Die Angst etwa vor dem sozialen Abstieg oder vor Migranten weckt Winkler zufolge eine Sehnsucht nach einfachen Antworten – die Populisten gerne bedienen.

Das Vertrauen in Institutionen und Politiker schwinde, so Winkler: “Sie bekommen einen guten Veränderungsprozess eigentlich gut hin, wenn sie Zukunftsbilder haben, die attraktiver sind als die Abwehr, die mit jeder Veränderung einhergeht. Und die fehlen.”

Weg vom Pessimismus, hin zu positiven Ansätzen

Winkler sieht die Demokratie in Gefahr. Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Europäischen Forum Alpbach und dem Österreichischen Kulturforum Berlin hat sie nun ein Programm entwickelt, das die Perspektive ändern soll: weg vom Pessimismus, hin zu positiven Ansätzen.

Die Direktorin des Kulturforums, Viktoria Wagner, hat bis März drei so genannte Dialoglabore geplant und dafür, wie sie sagt, „Vordenker“ aus Deutschland und Österreich eingeladen, um „gemeinsam mit ihnen nachzudenken: wie können wir die Welt verbessern.“

Laut Wagner gibt es viele private Initiativen, über die man wenig weiß – und die doch einen Anstoß geben können, wie man anders auf die Zukunft blickt und sie gemeinsam aktiv mitgestaltet.

Inflationärer Gebrauch des Wortes “Krise”

Bei der Auftaktveranstaltung in der Österreichischen Botschaft in Berlin sagte der frühere Vizekanzler von Österreich, Erhard Busek, ihn ärgere der inflationäre Gebrauch des Wortes „Krise“. Teile der Gesellschaft lebten davon, Pessimismus zu verbreiten. Aber er sagt auch: „Europa sieht im Vergleich zu anderen Ecken in dieser Welt eh nicht so schlecht aus. Das traut sich nur keiner sagen.“

Eine große, leere Büttenpapierrolle zeigt nur sich selbst - Sinnbild für das, was möglich ist. Quelle: ARD-Hauptstadtstudio

Eine große, leere Büttenpapierrolle zeigt nur sich selbst – Sinnbild für das, was möglich ist. Quelle: ARD-Hauptstadtstudio

Busek wehrt sich gegen den Eindruck, er gleite in naiven Optimismus ab. Er sagt, das Leben sei doch voller Farbe, man müsse vorwärtsgehen und dürfe nicht rückwärtsgewandt verharren.

Dass es dabei auch auf die Sprache ankommt, betont der Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung, Thomas Krüger. Er sagt: „Sprache ist Macht“.

Abstrakte Bilder, die schwebend wirken

Wer ständig über Pessimismus rede, nehme dabei die Haltung derer an, die das wollen. Krüger plädiert dafür, sich auf neue Wege zu begeben, sich zu trauen, die Fenster aufzumachen: “Und die Fenster aufmachen heißt, auch unvorbereitete Perspektiven einzunehmen, uns in die Position von anderen hinzudenken versuchen und der Kreativität neuen Spielraum geben.”

Das schließt laut Krüger das künstlerische Schaffen mit ein – und so ging er neugierig in die Ausstellung, die den Rahmen des Projekts bildet. Abstrakte Bilder, alle auf schwerem Büttenpapier, die aber schwebend wirken.

Er erklärt: “Für mich spielt das Motiv der Freiheit in diesen Arbeiten eine starke Rolle. Es sind sehr leichte, schwingende Arbeiten, assoziativ, die ein Plädoyer dafür sind, das nicht gesehene Chancenvolle und Emotionale auszusprechen, zum Thema zu machen, damit zu arbeiten.”

Eine Arbeit, so sagt die Künstlerin selbst, mit der man neue Bilder für ein gemeinsames Wir schaffen kann. Beate Winkler sieht hier jeden gefragt. Das allein auf die Politik abzuschieben wäre in ihren Augen zu einfach.

Zuletzt aktualisiert: 17.08.2017, 05:48:07