Neuer Anlauf für die Wippe

Gepostet am 15.06.2016 um 15:04 Uhr

Die Initiatoren des Einheitsdenkmals in Berlin wollen einen neuen Anlauf nehmen – obwohl der Haushaltsausschuss des Bundestags das Projekt abgeschmettert hat, wegen zu hoher Kosten. Mitinitiator Wolfgang Thierse vermutet aber ganz andere Gründe hinter der Ablehnung. Von M. Mair

Die Initiatoren des Einheitsdenkmals in Berlin wollen einen neuen Anlauf nehmen – obwohl der Haushaltsausschuss des Bundestags das Projekt abgeschmettert hat, wegen zu hoher Kosten. Mitinitiator Wolfgang Thierse vermutet aber ganz andere Gründe hinter der Ablehnung.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Wolfgang Thierse bleibt ein großer Fan: Das Mitmach-Denkmal im Herzen der Hauptstadt fasziniert den früheren Bundestagspräsidenten noch immer. Die Deutschen sollten den Mut haben daran zu erinnern, dass ihre Geschichte auch einmal gut ausgehen kann. “Wir sollten ein Mahnmal unseres historischen Glücks errichten”, findet er.

Doch das Glück scheint Thierse nicht hold. Die Haushaltspolitiker des Bundestages haben die geplante Wippe gekippt. Der Gold schimmernde Koloss sollte sich bewegen, wenn sich genügend Besucher auf eine Seite stellen. Eine Erinnerung an die Rufe der friedlichen Revolution: “Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk.” Manche fanden das treffend, andere platt.

“Zu teuer”

Thierses Nachfolger, Bundestagspräsident Norbert Lammert, findet es vor allem teuer: “Alles, was sich bewegt, bedient und bespielt werden kann, hat Folgekosten, die die Anschaffungskosten regelmäßig noch mal deutlich überbieten.”

Mit den Kosten hat auch der Haushaltsausschuss argumentiert: Aus den geplanten zehn Millionen wurden fast 15 Millionen für den Bau. Da waren historische Mosaike und seltene Fledermäuse, die das Projekt verteuert hätten.

Die Haushaltsexpertin der Grünen Anja Hajduk ist ebenfalls zurückhaltend: “Da finde ich es auch mal gut, wenn die Politik den Mut hat zu sagen: Vielleicht ist diese Entscheidung von vor acht, neun Jahren einfach nicht ausgereift gewesen.” Ähnliche Töne kommen von Union, SPD und der Linken. Eine seltene Einigkeit der Zahlen-Politiker gegen das Denkmal.

Eine Frage des Geschmacks

Doch das Kostenargument will Thierse nicht gelten lassen. Er vermutet, dass es nur vorgeschoben ist: In Wahrheit gefalle den Haushaltspolitikern das Denkmal nur nicht. “Was mich ärgert ist, dass ein Geschmacksurteil, das immer legitim ist, begründet wird mit Hochrechnungen von Kosten. ” Es sei politisch angemessener, dann inhaltlich zu begründen, warum man diesen Entwurf und ein solches Denkmal nicht wolle.

Und deshalb, so fordert Thierse, müsse der Bundestag noch einmal beraten und entscheiden. Es dürfe nicht sein, dass ein Ausschuss eine so wichtige Entscheidung des Parlamentes en passant ändert.

Günter Nooke nickt da zustimmend. Er ist einer der Mitinitiatoren des Einheitsdenkmals. Er vermutet, dass eine Allianz verschiedener Gruppen das Projekt zu Fall gebracht hat: “Das kann doch alles nur Kleingeisterei sein. Da kann man doch eigentlich nur unruhig werden und ausrasten.”

Und auch die Architekten und Planer der Einheitswippe glauben, dass ihr Denkmal nur deshalb nicht kommt, weil es anderen nicht gefällt. Das mag ein wenig verschwörungstheoretisch klingen, lässt sich aber nur schwer entkräften. Auffallend ist jedenfalls, dass die zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters sich bedeckt hält. Einst war sie ein großer Fan: “Mit dem Freiheits- und Einheitsdenkmal entsteht in der Mitte der Hauptstadt jetzt endlich ein Denkmal, das kein Mahnmal ist, sondern ein freudiges Ereignis – in einer einladenden Geste versinnbildlicht.”

Chancen für Bau inzwischen gering

Doch jetzt, nach dem Stopp durch den Haushaltsausschuss hält sich Grütters zurück, sagt nur, Berlin habe mit dem Brandenburger Tor schon ein Einheitsdenkmal. Ein Satz, der Thierse auf die Palme bringt. Das Brandenburger Tor stehe zwar für die Einheit, “aber es erinnert nicht an die friedliche Revolution. Wer so argumentiert, dass das Brandenburger Tor das Denkmal sei, der verrät eine, wie ich finde, unangenehme Geringschätzung der Freiheitsrevolution von 1989.”

Und die Revolution müsse Deutschland auch ein paar Millionen Euro wert sein, sagt der frühere DDR-Bürgerrechtler. Er will weiterkämpfen für ein Denkmal im Herzen Berlins. Die Chancen, dass es tatsächlich noch gebaut wird, sind aber gering.

Streit um Einheitswippe: Thierse fordert Bau des Denkmals
M. Mair, ARD Berlin
13:12:00 Uhr, 15.06.2016

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Juni 2016 um 12:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18.11.2017, 11:13:28