Premiere für die “Versöhnerin”

Gepostet am 10.09.2018 um 10:56 Uhr

Ihre Biografie ist ungewöhnlich – und sie weiß, wie sich Folter anfühlt. Heute hat Michelle Bachelet ihren ersten offiziellen Auftritt als UN-Menschenrechtskommissarin. Von Martin Mair.

Ihre Biografie ist ungewöhnlich – und sie weiß, wie sich Folter anfühlt. Heute hat Michelle Bachelet ihren ersten offiziellen Auftritt als UN-Menschenrechtskommissarin.

Von Martin Mair, ARD-Studio Zürich

Michelle Bachelet weiß, was Folter bedeutet. Sie hat es am eigenen Leib erfahren im berüchtigten Geheimdienstgefängnis “Villa Grimaldi”. Ihr Vater wurde nach dem Militärputsch in Chile 1973 gequält und getötet, die damals 22-Jährige verhaftet.

Sie hätten ihr eine Kapuze über den Kopf gezogen und sie geschlagen, erzählte sie vor einigen Jahren. “Ich war lange unglaublich wütend, spürte einen tiefen Schmerz. Und ich konnte mir nicht vorstellen, mit manchen Personen überhaupt zu sprechen, einen Dialog zu führen. Aber ich bin nicht mehr die 22-, 23- oder 24-jährige Michelle dieser schrecklichen Nächte. Und so tat ich es später eben doch.”

Ein Ziel: Vertrauen zurückgewinnen

In ihrem neuen Amt wird sie sich wieder in diesem Spannungsfeld finden. Die Menschenrechtskommissarin arbeitet eng mit dem UN-Menschenrechtsrat zusammen. Unter den 47 Mitgliedsstaaten finden sich Länder, denen selbst vorgeworfen wird, die Menschenrechte zu verletzen. Die USA hatten das Gremium im vergangenen Jahr erbost verlassen. Die US-Botschafterin Nikki Haley kritisierte, der Menschenrechtsrat sei zu lange ein Ort gewesen, in dem Menschenrechtsverletzer Schutz gefunden hätten: “Und er war eine Jauchegrube der politischen Voreingenommenheit.”

Für Bachelet wird es auch darum gehen müssen, Vertrauen in das Gremium zurückzugewinnen – auch wenn sie nicht dessen Vorsitzende ist. Sie freue sich auf diese Aufgabe, so die 66-Jährige. Und sie sei sich bewusst, dass die Erwartungen hoch sind. “Ich weiß, dass sowohl die Opfer als auch die Verteidiger der Menschenrechte von mir erwarten, dass ich diese grundlegenden Rechte durchsetze. Ich bin bereit für diese Herausforderung.”

Michelle Bachelet

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Ungewöhnliche Biografie

Es ist eine gewaltige Herausforderung für die 66-Jährige – aber nicht die erste. Bachelet steht für eine der ungewöhnlichsten Biografien Lateinamerikas. Sie ist Sozialistin, die in den 70er-Jahren ins DDR-Exil ging und dort Medizin studierte. Sie ist alleinerziehende Mutter dreier Kinder von zwei Vätern. Sie sagt, dass sie nicht an Gott glaubt. Und trotzdem ist es ihr gelungen, 2006 die erste Präsidentin in der Geschichte Chiles zu werden, eines tief konservativ-katholischen Landes. Es ist noch nicht lange her, dass Scheidungen und Abtreibung komplett verboten waren. Bachelet verkörpere den Wandel des Landes, sagte der chilenische Politikwissenschaftler Jaime Ensignia vor ihrer Wahl: “Ich glaube, wir stehen vor einem großen politischen und kulturellen Wechsel in unserem Land, wenn Michelle Bachelet Präsidentin wird.”

Unter ihr begann der Umbau der Armee, nach der ersten Amtszeit schied sie mit Rekord-Zustimmungsraten aus dem Amt. Weil Chiles Verfassung keine zwei Amtszeiten am Stück erlaubt, wurde sie Leiterin der Frauen-Organisation der UN, ehe sie 2014 erneut zur Präsidentin gewählt wurde. Die Erwartungen waren hoch, denn Bachelet versprach umfassende Reformen. Doch sie blieb einige schuldig, ein Korruptionsskandal rund um ihren Sohn überschattete ihre zweite Amtszeit.

Regierungen beraten und anprangern

Dennoch: Als sie zur UN-Menschenrechtskommissarin berufen wurde, war die Zustimmung groß. Der Chef von Human Rights Watch etwa erklärte, sie bringe eine einzigartige Perspektive mit, um die Menschenrechte energisch zu verteidigen. Bachelet muss dazu Regierungen beraten und anprangern, wenn Rechte verletzt werden. Ihr Amtsvorgänger war der jordanische Prinz Seid-al-Hussein, der das energisch tat – zu energisch für den Geschmack mancher.

Die US-Botschafterin etwa hatte ihn dafür kritisiert und Bachelet aufgefordert, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Die aber sieht sich durchaus in der Tradition des Jordaniers. “Wie mein Vorgänger werde ich mein Bestes tun, dafür zu sorgen, dass Menschenrechte Realität werden. Für jeden und überall auf der Welt.”

Das klingt nicht so, als ob sich Bachelet von ihren Kritikern einschüchtern lassen will. Sie selbst sieht sich als Versöhnerin und sagte einmal einen Satz, der ihr bis heute wichtig ist: Sie sei ein Opfer des Hasses, aber sie widme ihr Leben dem Kampf gegen diesen Hass.

Michelle Bachelets erster Auftritt
Martin Mair, ARD
09:56:00 Uhr, 10.09.2018

Zuletzt aktualisiert: 15.10.2018, 10:49:51