Auszubildende sind keine Almosenempfänger

Gepostet am 13.05.2019 um 17:43 Uhr

Die geplante Mindestvergütung für Azubis ist angesichts des Fachkräftemangels überfällig. Die vorgeschlagenen Summen sind auch nicht vom Himmel gefallen. Ein Kommentar von Dagmar Pepping.

Ist es unzumutbar, einem Azubi im ersten Lehrjahr mindestens 515 Euro im Monat zu zahlen? Das wären gerade einmal 128,75 pro Woche. Viele Auszubildende in Friseursalons bekommen weniger Geld, im Osten sogar deutlich weniger. Bei Fleischern oder in anderen Berufszweigen mit geringen Gehältern sieht es ähnlich aus. Ich meine: Die geplante Mindestvergütung mit gestaffelten Beträgen je nach Ausbildungsjahr ist keine Zumutung für Betriebe. Auch nicht die schrittweise Anhebung der Summe, die bis 2023 erfolgen soll. Azubis sind keine Almosenempfänger, sie erbringen eine Leistung.

Droht jetzt der massenhafte Wegfall von Ausbildungsplätzen? Das glaube ich nicht. Die Betriebe brauchen schließlich motivierten, gut ausgebildeten Nachwuchs. Stichwort Fachkräftemangel. Der laute Aufschrei des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks kommt keineswegs überraschend. Aber auch in strukturschwachen Regionen dieses Landes – im Osten oder im Ruhrgebiet – sollte die geplante Mindestvergütung machbar sein. Zumal es im Gesetzentwurf eine wichtige Ausnahmeregelung gibt. Dort, wo es bereits einen Tarifvertrag gibt, können Azubis auch weiterhin eine geringere Vergütung erhalten als eigentlich festgeschrieben. In Zeiten der Tarifflucht könnte das für viele Arbeitgeber ein Anreiz sein, mit den Gewerkschaften entsprechende Tarifverträge auszuhandeln.

Und noch etwas: Die vorgeschlagenen Summen – fein gestaffelt je nach Ausbildungsjahr des Lehrlings – sind nicht vom Himmel gefallen. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die bei dem Thema lange nicht aus dem Quark gekommen ist, hat sich für ihren Gesetzentwurf Rat beim Bundesverband der Arbeitgeber und beim Deutschen Gewerkschaftsbund geholt. Der DGB wollte ursprünglich deutlich mehr Geld für Azubis durchsetzen – 635 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr – einigte sich aber schließlich mit Arbeitgeberpräsident Kramer auf einen gemeinsamen Vorschlag. Ein klassischer Kompromiss, der interessanterweise deutlich über die Pläne der CDU-Politikerin Karliczek hinausgeht. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer ist übrigens FDP-Mitglied und selbst Unternehmer. Er ist nun wirklich unverdächtig, die Wirtschaft in Schutt und Asche legen zu wollen.

Die Einigung bei der Mindestausbildungsvergütung sendet ein wichtiges Signal aus an die jungen Leute in diesem Land: Eine betriebliche Ausbildung lohnt sich und bringt Anerkennung. Und das ist gut so.

Zuletzt aktualisiert: 23.05.2019, 06:50:07