Wie Diekmann die Auschwitz-Pläne verschenkte

Gepostet am 08.07.2016 um 17:25 Uhr

„Bild“-Herausgeber Diekmann hat kürzlich ausgeplaudert, wie er 2009 die Baupläne von Auschwitz der israelischen Regierung schenkte – obwohl die Bundesregierung der Meinung war, die Dokumente gehörten ihr. Das Bundesarchiv fühlt sich hintergangen. Von M.Mair.

„Bild“-Herausgeber Diekmann hat kürzlich ausgeplaudert, wie er 2009 die Baupläne von Auschwitz der israelischen Regierung schenkte – obwohl die Bundesregierung der Meinung war, die Dokumente gehörten ihr. Das Bundesarchiv fühlt sich hintergangen.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Die Kameras klicken, als sich Benjamin Netanyahu über die Dokumente des Grauens beugt. Fein säuberlich gezeichnet auf vergilbtem Papier, liegen vor dem israelischen Ministerpräsidenten die Baupläne des Vernichtungslagers Auschwitz. Gebäude, Eingangstor, Gaskammern – im Maßstab 1:100. Unterzeichnet von Heinrich Himmler.

Netanyahu deutet auf das grüne Namenskürzel, spricht von einem bewegenden Moment. „Das sind Pläne für die Fabrik des Todes. Es sind sehr wichtige, historische Dokumente, die wir behalten werden.“

Neben Netanyahu steht Kai Diekmann – damals Chef der Bild-Zeitung. Sein Blatt hatte die Baupläne des Todes auf dem Schwarzmarkt gekauft, für eine unbekannte Summe und im Hochhaus des Springer-Verlags ausgestellt.

Dokumente im Bundesarchiv geprüft

Sieben Jahre ist das her. Zuvor lagen die Pläne auf dem Schreibtisch von Hans-Dieter Kreikamp, damals Abteilungsleiter „Deutsches Reich“ im Berliner Bundesarchiv. „Das ist natürlich etwas Besonderes, ein solches Dokument hält man nicht alle Tage in der Hand.“

Der Historiker hatte für den Springer-Verlag überprüft, ob die Pläne echt sind. Kreikamp verglich die Paraphe Himmlers, prüfte Stempel auf den Dokumenten. Schnell ist klar: Es handelt sich um Originale.

Die „Bild“-Zeitung berichtet aufgeregt von einem Sensationsfund. Auch Kreikamp ist elektrisiert von dem Fund, der nach der Ausstellung im Verlagshaus ins Bundesarchiv kommen soll.

Diekmann handelt anders

Doch es kommt anders. „An diese Verabredung, die wir im guten Glauben mündlich getroffen haben, hat sich der Springer-Verlag nicht gehalten. Das ist wie ein Schlag in die Magengrube, dass man sich fragt, ‚Warst du einfach zu naiv, zu gutgläubig?‘ Aber zu dem Zeitpunkt war das nichts mehr zu retten.“ Denn da hatte „Bild“-Chef Diekmann die Dokumente schon an Netanyahu übergeben – medienwirksam inszeniert.

Rechtlich ist das heikel. Der heutige Herausgeber des Boulevard-Blatts habe Bundeseigentum verschenkt, so Kreikamp: „Es ist deutsches Archivgut von einer zentralen Instanz und es ist ein – wenn man so will – in einer deutschen Behörde entstandenes Dokument und es gehört nach allen Regeln der Archivwissenschaft in das Bundesarchiv. Und sonst nirgendwohin.“

Doch Diekmann wollte von Anfang an, dass die Pläne nach Israel gehen. Er kümmert sich nicht um die Regeln der Archivkunst. Ein Interview will er nicht geben. Nur soviel: Es sei die politische und moralische Pflicht gewesen, diese wichtigen Dokumente Israel zu schenken. Und: Er habe dem Bundesarchiv nicht versprochen, dass die Behörde die Auschwitz-Pläne bekommt.

Architektur des Grauens: Der Streit um die Auschwitz-Baupläne
M. Mair, ARD Berlin
16:24:00 Uhr, 08.07.2016

Die Aufmerksamkeit ist Diekmann gewiss

Hat also der Redakteur, der den Kontakt zum Bundesarchiv herstellte, das Versprechen gemacht? Diekmann lässt das offen. Der Journalist will sich nicht äußern.

Fest steht in jedem Fall: Am 27. August 2009 klicken die Kameras – Kai Diekmann überreicht Benjamin Netanyahu die Pläne. Der nimmt sie gerne an, als einen weiteren Beweis für den Massenmord an den Juden. „Da sind diejenigen, die den Holocaust leugnen. Bis zu diesem Moment können wir ihnen sagen: Kommt nach Berlin. Und morgen werden wir ihnen sagen: Kommt nach Jerusalem und schaut euch die Pläne an.“

Im Bundesarchiv lagern Kopien

Heute bewahrt die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem die Originale auf. Das Bundesarchiv besitzt Kopien. Kreikamp ist seit vier Jahren im Ruhestand, trägt den Beteiligten bei Springer den – wie er sagt – Verrat nicht nach.

Und er sagt auch: In Yad Vashem seien die Dokumente gut aufgehoben, trotzdem wünscht er sich die Originale zurück nach Deutschland. „Der Unterschied zwischen einer noch so guten Kopie und dem Original ist eben dieser Moment der Authenzitität. Die seriösen Forscher möchten natürlich auch gerne die Merkmale überprüfen. Und das kann man in der Tat nur am Original.“

Doch das liegt in Yad Vashem, sicher verwahrt. Und dort werden die Pläne über die Architektur des Holocaust auch bleiben. Israel will die Pläne nicht zurückgeben, die Regierung sie nicht zurückfordern. Denn schließlich war die Kanzlerin von der umstritten Schenkung schon vor Jahren informiert. Manchmal, so sagt es Historiker Kreikamp, ist die Geste der Politik wohl wichtiger als geltendes Recht.

Zuletzt aktualisiert: 22.08.2019, 18:01:04