Auf der Suche nach grünem Patriotismus

Gepostet am 20.07.2018 um 13:38 Uhr

Robert Habeck befindet sich derzeit auf Sommerreise. Martin Polansky war mit ihm auf dem Hambacher Schloss und hat beobachtet, wie der Grünen-Parteichef Patriotismus und ein Plädoyer für Europa zusammenbringt.

Robert Habeck wird im Elektroauto zum Hambacher Schloss hochgefahren. Hier demonstrierten 1832 beim Hambacher Fest 30.000 Menschen für bürgerliche Freiheiten und nationale Einheit, trugen zum ersten Mal in großer Zahl schwarz-rot-goldenen Fahnen. „Der Ort versetzt mich nicht in Gefühls-Wallungen“, sagt der Grünen-Vorsitzende. Aber es sei ein guter Ort, um Botschaften zu platzieren, Politik von heute in eine Tradition zu stellen.

Habeck ist auf Sommertour unterwegs durch das Land. Unter dem Titel: „Und des Glückes Unterpfand“, der Zeile aus der Nationalhymne. Habeck am Hermannsdenkmal im Teuteburger Wald, in der Paulskirche in Frankfurt, auf dem Hambacher Schloss – Orte, die deutsche Geschichte und auch Patriotismus symbolisieren. Für manche Grüne sei das eine Zumutung, sagt Habeck. Die Grünen tun sich schon immer schwer mit nationalen Symbolen, Begriffe wie Heimat und Patriotismus lösen bei vielen Grünen starke Abwehrreflexe aus.

Aber Fragen nach Tradition und nationaler Identität gewinnen an Bedeutung in Zeiten von Zuwanderung und Multikulti-Debatte. Erst im Mai hatten Nationalkonservative um den Ökonomen Max Otte zu einem „Marsch der Patrioten“ am Hambacher Schloss aufgerufen. Mit schwarz-rot-goldenen Flaggen zogen einige Hundert den Schlossberg hoch, Thilo Sarrazin war da und auch AfD-Chef Jörg Meuthen. Ihnen wolle er nationale Symbole wie das Schloss nicht überlassen, sagt Habeck.

Plädoyer für Pathos

Der große Saal oben im Turm des Schlosses ist überfüllt – vor allem Grünen-Sympathisanten. Habeck soll mit dem Dramaturgen Thomas Wagner diskutieren über „Strategien gegen Populismus“. Wagner bezeichnet sich selbst als jemand, der eher der Partei Die Linke nahesteht. „Die politische Linke insgesamt hat es versäumt, nationalstaatliche Mythen mit fortschrittlichen Inhalten aufzuladen“, hält er Habeck vor.

Der grüne Parteichef plädiert für Pathos, trotz der gebrochenen deutschen Geschichte. Eine Art andere Erzählung der Nation. Obama habe es vorgemacht, als er auf einer Parteitagsrede der US-Demokraten den Saal zum Jubeln brachte – mit Sätzen wie: „Ich kenne kein schwarzes Amerika, ich kenne kein weißes Amerika, ich kenne nur die Vereinigten Staaten von Amerika.“

Das Spiegelbild zum Hambacher Fest mit den deutschen Fahnen sei heute aber eher die europäische Flagge, so Habeck zu den rund 100 Zuhörern im Schloss-Saal. Viele Probleme ließen sich nationalstaatlich gar nicht mehr lösen. So sollten etwa in der Steuerpolitik Kompetenzen in die EU verlagert werden. Für das Europa-Plädoyer bekommt Habeck viel Applaus.

Positiver Patriotismus

Wieder unten am Fuß des Schlossturms zeigt sich Habeck nachdenklicher: Einen EU-Patriotismus werde es so schnell wohl nicht geben – auch wenn er glaube, dass der möglich sei. Die Grünen müssten aber lernen, Europa anzustreben und sich gleichzeitig mit der Ideengeschichte des deutschen Nationalstaates zu versöhnen.

Auf die Frage, welche deutschen Ort denn für ihn einen positiven Patriotismus symbolisieren würden, überlegt Habeck genau, wie er antworten möchte: Neben dem Hambacher Schloss zum Beispiel Kiel wegen des Matrosenaufstandes 1918, die Frankfurter Paulskirche wegen der Nationalversammlung 1948. Die Leipziger Nikolaikirche als wichtiger Ort der friedlichen Revolution in der DDR 1989. Und auch Wyhl im Kaiserstuhl als Startpunkt der Anti-Atombewegung in den 1970er Jahren oder auch Brokdorf. Orte des Protestes in Deutschland. Eine Art grüner Traditionsbogen mit Rückgriffen in die Nationalgeschichte. „Wir Grünen haben das Land ein Stück weit verändert und geprägt. Das Deutschland 2018 ist uns näher als das Deutschland 1990 oder Deutschland 1968.“ Was National-Rechte „grün-versifft“ nennen würden, lasse er sich nicht schlechtreden.

Habeck lässt sich noch vor einer Fahne grüner Studenten fotografieren. Deutsche Fahnen werden hier diesmal nicht geschwenkt. Vor dem Schloss weht am Mast Schwarz-Rot-Gold neben der Europa-Flagge.

Autor: Martin Polansky

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2018, 02:35:41