Auf dem Weg zu Trump: Tina Hassel mit Einschätzungen zu Merkels USA-Besuch

Gepostet am 16.03.2017 um 18:08 Uhr

Bundeskanzlerin Angela Merkel reist nach Washington um sich dort zum ersten Mal mit Donald Trump zu treffen. ARD-Hauptstadtstudio-Leiterin Tina Hassel ist mit dabei und gibt einen Ausblick auf die Zusammenkunft der Regierungschefs.


Was will Bundeskanzlerin Merkel in den USA erreichen?

Sie will vor allem den neuen Hausherrn im Weißen Haus kennenlernen. Und das meint sie ernst. Es geht darum, eine Gesprächsbeziehung, eine persönliche Beziehung aufzubauen zu jemandem, mit dem man dann anders telefonieren kann. Wodurch man möglicherweise auch erratische Positionen und sehr provozierende Tweets anders einschätzen kann. Das ist Merkels allerwichtigstes Anliegen.

Zum anderen will sie verstehen, wie dieser Donald Trump tickt und was er eigentlich will. Sie weiß nicht: Was hat er vor im Umgang mit Russland? Bei fast allen wichtigen außenpolitischen Themen weiß die Kanzlerin nicht, was Trump wirklich denkt, wo er Amerikas Rolle sieht. Und das ist, glaube ich, für sie das zentrale Anliegen.

Welche Rolle wird der Freihandel spielen und wie kann Frau Merkel dafür werben?

Nachdem sich die Verunsicherung bezüglich NATO und Sicherheitspolitik etwas gelegt hat, dadurch dass US-Vizepräsident Pence in München auf der Sicherheitskonferenz alle etwas beruhigt hat, spielen Handelsfragen und auch ein möglicher Handelskrieg die zentrale Rolle bei diesem Treffen. Deshalb nimmt Angela Merkel auch drei Firmenbosse mit. Denn die Einschätzung ist: Mit einem Businessman kann man am besten über einen “Deal” sprechen, wenn auch Wirtschaft dabei ist.

Wenn man ihm vermittelt: Pass auf, es ist nicht in Amerikas Interesse und es wird Amerika nicht groß machen, wenn Freihandel eingeschränkt wird. Oder wenn die Welthandelsorganisation außer Kraft gesetzt würde von Amerika oder wenn eben Abschottung die Antwort sein sollte. Das könnte ja nur kurzfristig helfen. Ihm genau das von erfolgreichen Wirtschaftsführern erklären zu lassen, versucht Merkel jetzt.

Welche Strategie zum Umgang mit Donald Trump sehen Sie von der deutschen Seite?

Erst mal würde ich sagen: Merkel ist Merkel. Die hat eine Strategie, die sie sowohl bei Präsident Putin als auch bei Präsident Erdogan anwendet. Und die heißt: sich nicht provozieren lassen, nüchtern sein und deeskalieren. Das mag dem einen gefallen, dem anderen nicht. Auch gegenüber Donald Trump wird Angela Merkel diese Strategie anwenden. Dahinter steht eine Überzeugung, die sich durchgesetzt hat: Dass man zumindest versucht, den US-Präsidenten für sich zu gewinnen. Die Kanzlerin kann da charmant sein!

Das hat sie auch gezeigt: Bei Berlusconi hat sie viele Dinge zwischen „klare Kante“ einerseits und „charmant einbeziehen“ andererseits hinbekommen. Bei Berlusconi! Das wird sie auch mit Donald Trump versuchen. Einige Dinge wird man natürlich auch in der Hinterhand haben – gerade beim Thema Freihandel – wo man sagen kann: Okay, wenn Du Hardball spielst, dann können wir das auch. Und da hat die Kanzlerin Argumente! Sie wird sagen, wie viele Arbeitsplätze deutsche Firmen in Amerika schaffen, wie viel dort investiert wird, was da auch abgezogen werden könnte. Da, glaube ich, wird man also zunächst versuchen zu erklären und zu gewinnen. Und wenn das überhaupt nicht funktioniert, dann andere – vielleicht die Firmenbosse – sagen lassen: Es geht auch anders! Und das wäre nicht im Sinne von „Make America Great Again“.

Trump hat beleidigend über Merkels Politik gesprochen, diese als “geisteskrank” bezeichnet. Was haben Sie gehört, wie geht die deutsche Seite bei ihrem Besuch damit um?

Das haben wir sie beziehungsweise ihren Berater Christoph Heusgen auch gefragt. Das wird nicht erwähnt. Möglich ist, dass das irgendwie, wenn ein Gespräch gut läuft, doch angesprochen wird. Aber man will nach vorn gucken. Verletzungen, Beleidigungen zwischen zwei Politikern haben hintenan zu treten. Das heißt: Es geht ums Interesse von Deutschland und der EU.

Und die Kanzlerin war ja auch klar – also in der Art. Merkels Antwort auf Trumps Beleidigungen war eine sehr deutliche Reaktionen auf sein Einwanderungsverbot. Und die Gratulation, in der sie gesagt hat: Wir arbeiten gut zusammen, aber auf der Basis unserer Werte! Damit hat sie das Koordinatensystem abgesteckt. Die Kanzlerin wird nicht auf persönliche Beleidigungen zu sprechen kommen. Zumindest ist das nicht geplant. Und sie wird nach vorn gucken und jetzt das Beste herausholen – dass da hoffentlich zwei miteinander können. Denn das ist die große Frage.
Unterschiedlicher im Temperament, in der Art, die Welt zu sehen, und in der Art, Politik zu machen, kann man fast nicht sein.

Zuletzt aktualisiert: 24.10.2017, 09:51:24