Das lange Schweigen der Angela M.

Gepostet am 18.12.2017 um 12:02 Uhr

Ein Jahr nach dem Attentat auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz trifft Bundeskanzlerin Merkel Betroffene und Opfer. „Zu spät, viel zu spät“, kommentiert Kilian Pfeffer und hinterfragt mögliche Gründe für das Zögern der Kanzlerin.

Die Kanzlerin will zuhören. Was hat den Hinterbliebenen des Terroranschlags vom Berliner Breitscheidplatz die schwere Zeit nach dem Anschlag noch schwerer gemacht? Angela Merkel will das genau wissen, sagt Regierungssprecher Seibert. Dabei ist längst klar: Das lange Schweigen der Kanzlerin hat die Zeit schwerer gemacht. Natürlich nicht allein, aber auch.

Eine Reihe von Pannen

Es ist eine weitere Panne unter vielen anderen nach dem Anschlag. Dabei haben die Betroffenen ohnehin schon Unerträgliches erleiden müssen. Zum Beispiel gab es am Tag nach dem Terroranschlag einen Trauergottesdienst. Die Hinterbliebenen selbst waren nicht dabei, weil sie noch gar nichts vom Schicksal ihrer Angehörigen wussten. Dann bekamen einige von ihnen Rechnungen eines Krankenhauses. Der Inhalt: sie sollten endlich für die Obduktion ihrer Angehörigen bezahlen. Das Krankenhaus hat sich entschuldigt, aber was für ein Fehler. Und immer deutlicher wird, wie ungeheuerlich das Versagen der Behörden im Fall des Attentäters war.

Steffen Seibert sagt, die Kanzlerin habe doch direkt am Morgen nach dem Anschlag ihr Mitgefühl schon ausgedrückt. Und auch der damalige Bundespräsident Gauck und Innenminister de Maizière hätten sich ausführlich mit den Angehörigen getroffen. Aber: auch das erst im März, drei Monate nach dem Anschlag.

Die Beteuerungen klingen hilflos. Nach dem schwersten islamistischen Terrorangriff auf deutschem Boden kann man mehr erwarten von der deutschen Kanzlerin. Denn es ist ja richtig: Das war ein Anschlag auf die Gesellschaft, nicht auf diese bestimmten Personen.

Politische Entscheidung oder fehlendes Mitgefühl?

Hatte Angela Merkel Sorge, man würde sie für die Toten verantwortlich machen, wenn sie den Hinterbliebenen und Verletzten persönlich kondoliert? War das Schweigen also eine politische Entscheidung? Oder hat es der Kanzlerin einfach an Mitgefühl gefehlt? Beide Möglichkeiten klingen nicht gut. Wie wichtig den Betroffenen ein Zeichen aus dem Kanzleramt gewesen wäre, wusste Merkel. Denn der Opferbeauftragte Kurt Beck hat das Kanzleramt immer wieder informiert. Und so ist das Positivste, das man über das Treffen heute Nachmittag sagen kann: Gut, dass es überhaupt noch stattfindet. Zu spät, viel zu spät, kommt es allemal.

Zuletzt aktualisiert: 25.10.2020, 20:34:11