Wahlumfragen: Momentaufnahmen oder Meinungsmache?

Gepostet am 08.09.2017 um 10:45 Uhr

Nach aktuellen Wahlumfragen scheint die Kanzlerfrage bereits entschieden. Die letzten Jahre zeigen aber, dass es Überraschungen geben kann. Über die Sinnhaftigkeit von Umfragen haben unsere Korrespondenten Uwe Lueb und Dirk Rodenkirch sehr unterschiedliche Ansichten.

Pro: Uwe Lueb

“Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast?” Was für ein Quatsch. Seriöse Meinungsumfragen sind nämlich genau das: seriöse Meinungsumfragen. Richtig ist: es sind Momentaufnahmen, so wie der Wetterbericht oder der Tabellenstand des Lieblingsvereins. Wahlumfragen sind so etwas wie der politische Wetterbericht oder ‘Tabellenstand’. Sie sind das Barometer der Politik – Spiegel des politischen Klimas. Als Wählerinnen und Wähler bekommen wir ein Gespür dafür, wie stark die Partei gerade ist, die wir am besten finden.

Wir bekommen eine Ahnung davon, ob wir mit unserer Sympathie für eine Partei eher allein stehen oder zu einer breiten Mehrheit gehören. Ob eine Partei womöglich knapp unter fünf Prozent bleibt und wir sie deshalb vielleicht lieber nicht oder gerade drum wählen.

Ob wir Erststimme und Zweitstimme lieber trennen. Klar trifft man seine Wahlentscheidung nicht auf der Grundlage von Umfragen, aber sie sind interessant. Mindestens so wie Wetterbericht und Tabelle.

Contra: Dirk Rodenkirch

Die Schulz-Welle war`s: Die hat mir den letzten Glauben an Wahlumfragen genommen. Ein mäßig bekannter Europapolitiker steigt wie Kai aus der Kandidaten-Kiste. Und holterdiepolter will die Mehrheit der Befragten Martin Schulz als Bundeskanzler. Warum, kann kaum einer beantworten. Und nur zwei Monate später lieben auch die meisten wieder Mutti und nicht Martin, aha!

Noch ein Beispiel zum Sinn oder Unsinn von Wahlumfragen: Die Rubrik ‘wichtigste Politiker’. Da lag Sigmar Gabriel, Anfang des Jahres als Vizekanzler, Wirtschaftsminister und SPD-Chef, noch hinter Cem Özdemir. Bei allem Respekt für den Mann von den Grünen, aber wer bitte wurde da befragt?

Noch bedenklicher: die Wirkung der Umfragen – und damit zurück zu Martin Schulz. Nach seiner kurzen Beliebtheitswelle wird er von den Medien längst als der kommende Looser der Bundestagswahl gehandelt. Auf Basis von Umfragewerten.

Das Problem: Keiner will zu den Verlierern gehören. Meinungsforschung macht hier selbst Meinung und beeinflusst nachweislich Wahlentscheidungen. Fazit: Umfragen sind, wenn überhaupt, mit viel Vorsicht zu genießen.

Zuletzt aktualisiert: 23.09.2017, 11:15:07