Ministerin von der Leyen macht sexuelle Toleranz in der Bundeswehr zur Chefsache

Gepostet am 31.01.2017 um 15:05 Uhr

Mehrere tausend Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sind homo-, bi- oder transsexuell. Doch in vielen Fällen trauen sie sich nicht, dazu zu stehen und verleugnen ihre sexuelle Orientierung. Verteidigungsministerin von der Leyen fordert nun mehr Offenheit für sexuelle Vielfalt.

Die Bundeswehr sieht Vielfalt als Chance – so steht es jedenfalls im Weißbuch 2016 des Verteidigungsministeriums. Ausdrücklich mitgemeint ist dabei die sexuelle Vielfalt. Jeder Soldat und jede Soldatin soll die gleichen Chancen bekommen, unabhängig davon, wen er oder sie liebt. Soweit die Theorie. In der Praxis gibt es immer wieder Fälle von Diskriminierung schwuler und lesbischer Bundeswehrangehöriger, beklagt Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen:

„Es kommt im Jahr 2017 noch vor, dass ein Fallschirmjäger seit Jahren seine Homosexualität verheimlicht, weil er befürchtet, als Weichei verspottet zu werden. Es kommt auch heute noch vor, dass ein Soldat nach seinem Outing feststellt, dass der Vorgesetzte persönliche Gespräche nur bei offener Tür mit ihm führt.“

Artilleriehauptmann Marcus Otto kennt solche Vorfälle. Der 33-jährige ist Bundesvorsitzender des Arbeitskreises Homosexueller Angehöriger der Bundeswehr e.V., kurz AHsAB. Immer wieder würden seinem Verein Fälle von Diskriminierung geschildert, berichtet Otto im Deutschlandradio.

„Das fängt mit subtilen Diskriminierungen an, da wurden Reifen zerstochen, da hat ein Vorgesetzter, nachdem er Kenntnis erlangt hat, in Abwesenheit vor der Truppe ihn geoutet. Ein weiterer Fall: Da wurde in der Grundausbildung zum Ausbilder gesagt, ‚so etwas hätte man früher in Russland erschossen.“

Auf einer Tagung in Berlin befassen sich nun Führungskräfte der Bundeswehr mit dem Thema. Es geht um den Umgang mit sexuellen Minderheiten in der Truppe und darum, wie man Chancengerechtigkeit etwa für schwule oder lesbische Bundeswehrangehörige schaffen kann. Doch die Veranstaltung ist umstritten. Damit würden falsche Prioritäten gesetzt, die Bundeswehr habe größere Probleme, zum Beispiel die mangelhafte Ausrüstung, hatte es im Vorfeld geheißen. Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, nannte es im SWR absurd, einen solchen Vergleich zu ziehen.

„Das eine ist wichtig, und das andere auch. Hier gibt es ja überhaupt keine Hierarchisierungsprobleme, sondern hier gibt es das Problem, dass die Bundeswehr gut funktionieren soll. Und das tut sie nur, wenn Vielfalt geachtet wird.“

Tatsächlich steht die Bundeswehr im Wettbewerb um Nachwuchskräfte und muss sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren – Diskriminierung von Minderheiten soll da keinen Platz haben, wenn es nach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geht.

„Ob sie nun schwul, lesbisch, transsexuell oder heterosexuell seien, Sie sind uns mit Ihrem Können willkommen in der Bundeswehr.

Die Ministerin ging zum Auftakt der Tagung auch auf die Vorfälle in der Ausbildungskaserne in Pfullendorf ein. Dort soll es herabwürdigende und sexuell erniedrigende Praktiken und Aufnahmerituale gegeben haben. Die Untersuchungen dazu würden laufen, sagte von der Leyen. Die Vorgänge in Pfullendorf hätten aber gezeigt, dass der Umgang miteinander in der Truppe kein Randthema sei. Darüber müsse offen gesprochen werden.

Zuletzt aktualisiert: 22.08.2017, 05:33:41