Gabriels Entscheidung – realistisch oder feige?

Gepostet am 25.01.2017 um 11:25 Uhr

Gabriel tritt als SPD-Chef zurück und Kanzler will er auch nicht mehr werden. Ein respektabler Schritt oder eine Verzweiflungstat? Volker Schaffranke und Katrin Brand kommentieren.

Gabriel, der Realist

Eines kann man Sigmar Gabriel nicht vorwerfen: fehlende Selbsteinschätzung. Als Kanzlerkandidat wäre er untergegangen. Für ihn und seine Partei also der richtige Schritt. Von Volker Schaffranke

Sigmar Gabriel zu unterschätzen war schon immer ein Fehler, nicht nur der seiner Gegner! Zwar hat der Mann  einige Schwächen, die ihm das Leben als Politiker oft genug schwer machen: Er poltert gerne herum, ist wankelmütig und wenn ihm was nicht passt, macht er daraus nie einen Hehl.

Aber er verfügt über das, was vielen im politischen Betrieb fehlt: Er kann sich und seine Möglichkeiten gut einschätzen! Von Anfang an war ihm klar: Als SPD Chef, als Vizekanzler, als Wirtschaftsminister muss er Dampf geben! Liefern! Und zwar schnell!

Und er hat es versucht über ganz traditionelle sozialdemokratische Themen, wie Mindestlohn, Mietpreisbremse, Rente mit 63 und so weiter und so fort. Dazu den beliebten Außenminister Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidenten-Kandidaten durchgedrückt. Die Kanzlerin stand verlegen daneben!

Eine Bilanz die sich sehen lassen kann! Selbst Unionsleute waren verblüfft, wie stark sich die SPD in dieser Regierung  hat durchsetzen können. Das ging nur mit Sigmar Gabriel! Doch genutzt hat es ihm und der Partei nichts!

Der eigene Mann an der Spitze der Partei verhungerte in der Beliebtheitsskala von Umfragen im letzten Drittel und die SPD dümpelt bis heute bei 20 Prozent dahin! Mit diesen Fakten konnte Gabriel nicht als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf ziehen, er wäre gnadenlos untergegangen! Die eigene Leute hätten ihn zerfleischt!

Das wusste Gabriel sehr genau! Ihm fehlte schlicht und ergreifend das, was man als Politiker neben einer guten Selbstwahrnehmung am Ende ebenso braucht: Vertrauen! Eine schwere, aber eine richtige Entscheidung von Sigmar Gabriel für seine Partei.

 

Gabriel hat gekniffen

Wollte Gabriel nie Kanzler werden oder hat er einfach nur keine Lust auf eine Niederlage gegen Merkel? In jedem Fall war dieser Rücktritt feige und zeugte von schlechtem Stil, findet Katrin Brand.

 

 

Er hat gekniffen! Anders kann ich es nicht formulieren. Sigmar Gabriel, 57 Jahre alt, im besten Politiker-Mannesalter also sich befindend, tritt schon wieder nicht gegen Angela Merkel an.

Zwei Parteifreunde hat er zuvor in ihr Unglück geschickt, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, hat sie an der unsinkbaren Kanzlerin zerschellen lassen. Und nun, wo der Merkel-Tanker plötzlich suppt, rudert er zurück.

Das kann nur eins heißen: Sigmar Gabriel hat nie Kanzler werden wollen. Wer aber nie Kanzler werden will, der darf auch nicht Parteichef werden.

Da kann er mal seine Kollegen Merkel fragen, die hat sich ganz bewusst dafür entschieden. Gabriel aber hat seine angeblich so stolze Partei jahrelang an der Nase herumgeführt und ihr Führungsstärke vorgegaukelt.

Andere Möglichkeit: er möchte zwar Kanzler werden, hat aber keinen Bock auf eine Niederlage gegen Merkel. Auch das wäre ein schlimmer Fall von Charakterschwäche.

Wir haben diesen angeblich überraschenden Rücktritt übrigens geahnt. Erst der Hinweis auf das zweite Kind, dann die Berichte über gesundheitliche Probleme. Da plante einer seinen Ausstieg, so konnte man das lesen.

Eins kann man ihm zugute halten: Er macht es seinen Parteifreunden wirklich leicht, Abschied von ihm zu nehmen. Statt es ihnen persönlich mitzuteilen, dass er keine Lust hat, erzählt er es einer Illustrierten und wartet bis die Eilmeldungen in den Handys aufploppen.

Das ist ganz schlechter Stil und typisch Gabriel. Das wird nun wirklich niemand vermissen.

Zuletzt aktualisiert: 19.10.2017, 01:45:19