Diesel-Gate: Winterkorn mit viel Rede und wenig Antwort

Gepostet am 19.01.2017 um 15:05 Uhr

Mit Ex-VW-Chef Martin Winterkorn stand heute eine Schlüsselfigur des Diesel-Skandals auf der Zeugenliste des Abgas-Untersuchungsausschusses. Nach der zweistündigen Vernehmung wurde aber deutlich: Winterkorn sieht sich selber auch als Opfer.

Um kurz vor zehn betritt Martin Winterkorn den Anhörungssaal 3101 im Marie-Elisabeth-Lüders Haus. Es ist einer der größten in den Gebäuden des Deutschen Bundestages. Gemeinsam mit zwei Anwälten geht der frühere VW-Chef auf eine Wand zu, eine Wand aus Kameras, Objektiven und Mikrofonen. Winterkorn bleibt zunächst stehen.

Er will nicht aussehen wie ein Angeklagter, der vor Gericht steht. Dann passiert etwas – für nahezu alle Anwesenden im Raum – überraschendes. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt im Zusammenhang mit der Diesel-Affäre gegen den Ex-VW-Chef, deswegen hatte es Spekulationen gegeben, Winterkorn könnte jede Aussage verweigern. Aber so kommt es nicht.

Kurz nachdem er Platz genommen hat, verliest Winterkorn eine zehnminütige Erklärung. Daraufhin erwiderte der Ausschussvorsitzende Herbert Behrens von der Linksfraktion:

„Das war ein sehr persönlich gehaltener Beitrag. Und in diesem Beitrag hat er die politische Verantwortung übernommen, für das, was den VW-Konzern anbetrifft.“

Er hätte diesen Betrug nie für möglich gehalten, sei tief bestürzt, eine lückenlose Aufklärung sei das Gebot der Stunde, so Winterkorn. Und auch er suche noch immer nach befriedigenden Antworten, erklärte der frühere Volkswagen-Chef.

Warum er nicht frühzeitig und eindeutig über die Abschalt-Einrichtung in den Dieselmotoren informiert worden sei, verstehe er bis heute nicht. Nach dieser Erklärung stand Winterkorn den Ausschussmitgliedern für Fragen zur Verfügung. Viele beantwortete er mit Verweis auf eben die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen aber nicht.

Hängen blieb nach zwei Stunden: vor September 2015, als auch die Öffentlichkeit vom Skandal erfuhr, habe er nichts über die in VW-Diesel-Motoren verbauten Abschalt-Einrichtungen gewusst. Ulrich Lange von der CSU stellte unter anderem deswegen nach der insgesamt zweistündigen Vernehmung ernüchtert fest: 

„Es wäre heute eine große Chance gewesen, jenseits der Ermittlungen in Braunschweig der Öffentlichkeit, der Politik, der Gesellschaft, den Kunden und auch den Mitarbeitern gegenüber einiges klar zustellen und für Aufklärung zu sorgen.“

Grünen-Obmann Oliver Krischer hingegen sagte, er müsse jetzt das Bild korrigieren,  das er sich bisher von Winterkorn gemacht habe – das  eines – Zitat „technikversessenen Führers der Automobilwirtschaft“.

„Das macht entweder ein Bild eines Konzernchefs, der nicht wusste, was in seinem Unternehmen passierte. Oder aber, die andere Alternative: Herr Winterkorn stellt die Dinge nicht so dar, wie sie wirklich waren und macht seine Rolle in dieser Abgasaffäre klein.“

Der Ausschussvorsitzende Herbert Behrens konnte immerhin feststellen, die Aussagen Winterkorns seien eine gute Grundlage für die Befragung weiterer Zeugen.

Bis zum späten Abend will das Gremium sechs weitere vernehmen, darunter den Präsidenten des Verbandes der Autoindustrie, Matthias Wissmann.

Vor dem Ausschuss zeigte sich der Ex-VW-Chef erschüttert. Er forderte eine “lückenlose Aufklärung” und hat abermals um Entschuldigung gebeten. Nach der Sitzung schlug er dann aber doch noch einen anderen Ton an:


 

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Zuletzt aktualisiert: 20.11.2017, 16:14:48