Blick zurück: Merkel und die Flüchtlingspolitik

Gepostet am 21.12.2016 um 17:05 Uhr

2016 waren neben Brexit und AFD vor allem die Flüchtlinge Thema. Hörfunkkorrespondentin Angela Ulrich, die die Kanzlerin auf ihrer Afrikareise zur Flüchtlingsfrage begleitet hat, mit einem Jahresrückblick.

 

Es ist ein Kontrast, der mich berührt. Mit Blaulicht und Militär-Eskorte braust die Kanzlerin auf den staubigen Schulhof in Niamey in Niger, Merkel ist in Eile. Aufgeregte kleine Mädchen in bunten Kleidern singen ihr ein Willkommens-Lied. Und plötzlich wird Merkel ruhig. Sie quetscht sich in eine kleine Schulbank, will bis zum Ende zuhören. Sie nimmt sich Zeit:

Wann beginnt eure Schule am Morgen?

In der kleinen Vorort-Schule erlebt die Kanzlerin das Dilemma eines Landes wie Niger. Es ist zum Drehkreuz für Flüchtlinge aus Afrika gen Europa geworden. Deswegen ist Merkel hier. Und sieht: Es gibt zu wenig Bildung. Statt in der Schule sind viele junge Mädchen schon verheiratet und Mütter. Entwicklung wird vom Bevölkerungswachstum aufgefressen. Sie weiß: Deutschland kann das eigentlich nicht packen, die Hilfe für Afrika, damit die Menschen bleiben, und versucht es doch:

Wir werden Arbeitsgelegenheiten schaffen für die, die heute natürlich ihre Einkünfte auch aus der illegalen Migration bekommen. Die müssen ja eine Kompensation, einen Ersatz bekommen dafür. Und deshalb greifen die Dinge ineinander: Sicherheit und Entwicklung.

Merkel wirbt bei EU-Partnern: Frankreich, Italien, ein mühsames Geschäft. Eisig werden ihre Gesichtszüge, wenn in Deutschland einer immer wieder mit ihr ins Gericht geht – Horst Seehofer:

Wir werden zu einer Begrenzung, auch zu einer Obergrenze kommen. Für den Fall, dass wir uns an einer Regierung beteiligen können, werden wir der Bevölkerung garantieren, dass wir dafür sorgen, dass dies in die Regierungspolitik Einzug hält.

Der CSU-Chef ist Merkels härtester Widersacher in der Union in der Flüchtlingspolitik. Merkel will den Zuzug zwar begrenzen, hält aber weiter nichts von festen Zahlen. Sie schaut vor Ort in Afrika, was geht, will Migrations-Partnerschaften schließen, wie mit der Türkei. Alles nicht leicht, aber für die Kanzlerin der beste der schlechten Wege. Aber auch in der eigenen Partei wächst die Rebellion gegen die Kanzlerin. Weit weg von Afrika, bei einem CDU-Regionaltreffen in Jena, geht es hoch her, als ein Kritiker ruft:

Treten Sie zurück, als Kanzlerin und als CDU-Chefin! Verlassen Sie unsere Partei!

Dafür gibt es zwar mehr Buhrufe als Applaus. Aber Angela Merkel ist nicht mehr unangefochten, selbst unter den eigenen Leuten. Wenn Flüchtlinge ihr in Jena die Hand schütteln wollen:

Ich danke Ihnen, dass ich in Deutschland sein darf…

…dann schaut Merkel milde, aber auch etwas hilflos, denn sie weiß: Es wird garantiert nicht leichter im nächsten Jahr.

Zuletzt aktualisiert: 16.08.2018, 00:50:59