Jetzt ist die Zeit der Trauer – nicht der Rechthaberei

Gepostet am 20.12.2016 um 17:50 Uhr

Der Anschlag von Berlin zeigt uns die schlechtesten und die besten Seiten des Menschseins. Horst Seehofer gehört mit seinen übereilten Forderungen nicht gerade zur letzten Kategorie, kommentiert Anna Engelke.

„Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste.“ Das hat die First Lady der USA, Michelle Obama, im Herbst dieses Jahres gesagt. Und meinte damit die zum Teil widerwärtigen Angriffe des Trump-Lagers auf die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. “When they go low, we go high”, sagte Michelle Obama damals.

Der Zusammenhang, in den ich dieses Zitat heute stelle, ist schlimmer. Gestern Abend hat ein Mensch entschieden, dass jetzt andere Menschen sterben müssen. Er hat einen Sattelschlepper in den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz gesteuert. Es waren Menschen, die der Täter nicht kannte. Die ihm nichts getan hatten. Die sich dort auch nicht versammelt hatten, um anderen etwas zu tun. Sondern, um sich an Weihnachten zu freuen.

Konfrontiert mit den schlechtesten Seiten des Menschseins

Andere Menschen willkürlich und zufällig tödlicher Gewalt aussetzen – tiefer kann kein Mensch sinken. Aber konfrontiert mit der schlechtesten Seite des Menschseins: Wer zeigt sich von der besten Seite? In solchen Situationen gehen viele Helfer über das hinaus, was eine Berufsbeschreibung von ihnen verlangen kann. Feuerwehrleute, Sanitäter, Polizisten, Notfallseelsorger. Der Berliner Feuerwehrchef berichtete von Ärzten, die durch Zufall in der Nähe waren und augenblicklich geholfen haben.

Bei manchem Politiker können wir allerdings nur hoffen, dass er noch eine bessere Seite hat als die, die beispielsweise der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer heute gezeigt hat. Dieser Mann ist seit 1971 in der CSU, also in der Politik. Er war mehrfach Bundesminister, er ist seit Jahren Ministerpräsident in Bayern, er ist – man glaubt es kaum – Vertreter einer Partei, der die Religion so wichtig ist, das sie sie im Namen trägt.

Erfahrung hilft Seehofer nicht

Aber diese ganze Erfahrung hilft ihm nicht, wenn er darüber entscheiden muss, wann er besser mal den Mund halten sollte. Die zuständigen Ermittler wissen über die Berliner Tat längst noch nicht Bescheid. Das hält aber einen Horst Seehofer nicht davon ab zu fordern, die Flüchtlingspolitik müsse überdacht werden.

Würde ich einen Angehörigen verlieren, dann wäre es mir widerlich, wenn ein Rechthaber vorbeikäme, der sagte, sowas habe er ja ohnehin kommen sehen. Rechthaberei ist häufig nervig, in diesem Zusammenhang ist sie regelrecht niedrig. Und demokratisch problematisch.

Eine Gewalttat wird aufgewertet

Denn Horst Seehofer und andere, die ähnlich reagierten, werten damit eine Gewalttat zwangsläufig zu einem Argument auf, das da heißt: Wir ändern unsere Flüchtlingspolitik nicht, weil eine Mehrheit der Deutschen sie geändert haben will, sondern weil ein Mörder mit einem LKW in eine Menschenmenge gerast ist.

Viele von uns sind heute traurig und schockiert. Wir denken an die Menschen, die einen Liebsten oder eine Liebste verloren haben. Mitgefühl ist eine Fähigkeit, die uns letztlich zu Menschen macht. Womöglich unsere beste Seite. Zu denjenigen, die eine solche Tragödie zu ihrem politischen Vorteil benutzen wollen, fällt mir nur noch die Hoffnung ein. Die Hoffnung, dass sich Menschen noch bessern können.

Zuletzt aktualisiert: 13.11.2018, 01:22:13