Bilanz Missbrauchskommission:„Die Arbeit hat erst begonnen!“

Gepostet am 06.12.2016 um 15:25 Uhr

Seit knapp einem Jahr wollen sie mehr Licht in den dunklen „Tatort Familie“ bringen: die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Nun hat die Kommission eine erste Bilanz gezogen. Bettina Nutz berichtet.

Bald ist sie ein Jahr im Amt: Die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, die lange um ihre Einsetzung kämpfen musste und die jetzt erste Eindrücke bekommt, von der möglichen Dimension sexueller Gewalt gegen Mädchen und Jungen. Erst einmal sammelt die Kommission Erfahrungen, aus dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, aus Anhörungen, die in möglichst sicherer und vertraulicher Umgebung stattfinden:

„Im Mittelpunkt steht das, was die Betroffenen berichten wollen. Denn für uns ist das Zuhören ganz zentral. Das Verstehen-Wollen und das Mitgehen mit der Geschichte.“ Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission

Sabine Andresen ist Jugendforscherin aus Frankfurt und die Vorsitzende der Kommission, die nun – bald sechs Jahre nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsskandale in Institutionen wie der Katholischen Kirche oder auch Internaten wie der hessischen Odenwaldschule – endlich Licht in ein sehr heikles Dunkelfeld bringen möchte:

„Die Familie als Tatort. Das ist relativ einzigartig. Das ist etwas Besonderes. Und es stellt uns auch vor besondere Herausforderungen.“ Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission

Zu den Herausforderungen gehört es vor allem für die Betroffenen, ihr Schweigen zu brechen. Ihre Geschichten nach außen zu tragen, die auch für die Zuhörer kaum fassbar sind. Christine Bergmann, die ehemalige SPD-Familienministerin, hat selbst die ersten solcher Gespräche geführt und muss – während sie darüber berichtet – immer wieder durchatmen. Eine bittere Erkenntnis ist für sie:

„Das ist, dass der familiäre Missbrauch in sehr frühem Kindesalter stattfindet. Der sich dann lange hinzieht. Wo das überhaupt nicht eingeschätzt werden kann. Also, vier Jahre, aber auch schon früher. Wo klar ist, dass das passiert ist. Das ist sicher noch ein Spezifikum des familiären Missbrauchs.“ Christine Bergmann, ehemalige SPD-Familienministerin

Zu weiteren ersten Eindrücken gehört auch, dass Missbrauch bereits in der Familienhistorie vorlag, dass Angehörige Bescheid wussten und schwiegen, dass den missbrauchten Kindern nicht geglaubt wurde. Und dass so ihr Martyrium oft lange Jahre währte. Über 400 Betroffene hätten sich bereits für eine vertrauliche Anhörung gemeldet. 40 seien bereits angehört worden, sagt Sabine Andresen. Dazu kommen noch einmal mehr als 60 Berichte. Nur die Spitze eines Eisberges – da sind sich die Kommissionsmitglieder sicher. Ebenso sicher, so Andresen, seien aber auch die Menschen, die mit ihren Botschaften gehört wurden:

„Entschädigung ist durchaus ein Thema. Die große Schwierigkeit, Therapieplätze zu bekommen. Der Abbruch von Therapien, weil die Krankenkassen das nicht mehr finanzieren. Der Dschungel, durch den sie sich bewegen müssen. “ Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission

Die Aufarbeitung habe noch gar nicht richtig angefangen, stellt die frühere Familienministerin Bergmann fest. Sie fordert, gesetzliche Grundlagen für das Recht auf Akteneinsicht und Vorladungen zu schaffen. Unzureichend sei auch das geltende Opferentschädigungsgesetz. Und dann sagt sie noch:

„Es ist leider kein Thema der Vergangenheit. Das muss man klar sagen. Das wir irgendwann mal aufgearbeitet haben und dann ist Ruhe….Wär schön…“ Christine Bergmann, ehemalige SPD-Familienministerin

Gruppenfoto v.l.n.r.: Dr. Christine Bergmann, Prof. Dr. Jens Brachmann, Brigitte Tilmann, Prof. Dr. Sabine Andresen (Vorsitzende der Kommission), Prof. Dr. Peer Briken, Prof. Dr. Barbara Kavemann, Prof. Dr. Heiner Keupp
© Barbara Dietl

Zuletzt aktualisiert: 16.12.2018, 00:15:00