60 Jahre Presserat: Selbstkontrolle in Zeiten kollektiver Medienkritik

Gepostet am 01.12.2016 um 15:50 Uhr

Der Deutsche Presserat ist die Kontrollinstitution für Presse- und Onlinemedien. Er feiert seinen 60. Geburtstag in schwierigen Zeiten: Das Vertrauen in die Arbeit der Journalisten ist geschwunden.

Der Deutsche Presserat bekommt es Jahr für Jahr stärker zu spüren: Das Misstrauen gegenüber den Medien ist gewachsen. Die Zahl der Beschwerden steigt: Mehr als 2.300 waren es im vergangenen Jahr. Fast doppelt so viele wie sechs Jahre zuvor. Und der Ton mancher Eingaben ist schärfer geworden, berichtet Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Deutschen Presserats:

„Es ist eben auch generell eine verstärkte Resonanz in der Leserschaft bemerkbar, die sich beim Presserat melden und Kritik an den Veröffentlichungen üben. Bis hin zu genauen Nachfragen, wie denn die Sorgfalt im Einzelnen eingehalten worden ist.“

Als Handwerkszeug für die Prüfung dieser Sorgfalt dient der Pressekodex: ethische Grundsätze und Leitlinien für die Arbeit von Journalisten. Geschäftsführer Tillmanns erklärt, was damit konkret gemeint ist:

„Dass wir uns am Grundsatz der Wahrheit und der wahrhaftigen Berichterstattung orientieren. Dass wir auch fair berichten und dass wir, wenn wir die eine Seite kritisieren, die vorher auch schon mal angehört haben müssen. Das sind Kriterien, die erzeugen Vertrauen, da bin ich sicher und da glaube ich auch dran.“

Soweit die Theorie. In der Praxis aber werden immer wieder Fehler gemacht: Spekulationen statt Fakten, Verstöße gegen Persönlichkeitsrechte und Opferschutz.

Silvesternacht in Köln

Und dann die Silvesternacht in Köln: Der Vorwurf, Medien hätten verschwiegen, woher die Täter kamen, beschäftigt den Presserat bis heute. Mehrere Zeitungen wollen die Regeln lockern. Bisher soll die Nationalität von mutmaßlichen Straftätern nur dann genannt werden, wenn es einen Zusammenhang zur Tat gibt. Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes Frank Überall setzt sich dafür ein, dass es so bleibt, um Minderheiten vor Diskriminierung zu schützen:

„Manche Zeitungen, ich glaube die sächsische Zeitung sagt, wir nennen grundsätzlich jetzt den Hintergrund von mutmaßlichen Täterinnen und Tätern. Ich halte das für falsch. Weil ich nicht aufgedrängt bekommen möchte, wenn die Tat nichts mit der Herkunft zu tun hat, dass jemand aus Afrika, Asien oder den USA kommt.“


Rüge als Sanktion

Die öffentliche Rüge ist die schärfste Sanktion des Presserates. Ein eher stumpfes Schwert sagen Kritiker. Frank Überall vom DJV, der zu den Trägern des Presserats gehört, widerspricht:

„In dem Moment wo eine Rüge publiziert werden muss, macht man sich ja sozusagen nackig. Das muss man dann auch erklären. Da muss man auch sagen, ja wir haben Fehler gemacht, oder es hat jemand bei uns möglicherweise auch vorsätzlich was falsch gemacht. Damit muss man offensiv umgehen.“

Mit öffentlichen Rügen allein wird man den Vertrauensverlust nicht wettmachen können. Frank Überall vom DJV sieht da aber weniger den Presserat, sondern vor allem die Medienmacher und ihre Verbände in der Pflicht.

„Die Institution Presserat ist in erster Linie eine Arbeitsinstitution. Und sie haben nicht gerade wenig Arbeit. Da jetzt auch noch zu verlangen, dass diese Institution Werbung für den qualitativen Journalismus macht , hielte ich als Erwartung dann doch für überzogen. Das müssen wir schon selbst machen. Die Institution ist wirklich zum Arbeiten da und da machen die einen verdammt guten Job.“

Gauck ruft zu mehr Sachlichkeit auf

Beim Festakt in Berlin nahm Bundespräsident Gauck die Medien gegen pauschale Vorwürfe in Schutz und rief die Journalisten dazu auf, selbstkritisch zu den eigenen Fehlern zu stehen.

Noch sind sie nicht in der Mehrheit, sagte Bundespräsident Gauck. Aber es ist eine starke und lauter werdende Minderheit, die Misstrauen gegen die Medien hegt. Das Wort Lügenpresse will der Bundespräsident nicht auf den Journalisten sitzen lassen. Ich weiß was das ist, sagte Gauck:

„Es geht nicht um Diskussion in ihr, sondern um beständige Denunziation, nicht um Unvoreingenommenheit sondern immer um Meinungshoheit. Es ist ein Element von Herrschaft gewesen.“

Gewesen – damals in der DDR. Dass der Vorwurf heute pauschal gegen die Medien erhoben werde, sieht Gauck als Gefahr für die Demokratie.

„Skepsis gegenüber den Medien, ja auch eine ausgeprägte Abneigung gegenüber deren Vertretern sind wahrlich nicht neu. Aber der Effekt, den diese Minderheit der Medienverächter in der Öffentlichkeit erzielt, ist es durchaus. Und die maßlose Wut und der Hass auf die Medien, sie erschrecken uns.“

Gauck verortet die laustarke Minderheit in Parallelrealitäten. Die sozialen Netze tragen dazu bei, sagt er. Wer hier unterwegs sei, wähle aus, was er wahrnehmen wolle.

„Schließlich entstehen sie die Echoräume, in denen Einzelne oder Gruppen sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnen, während sie taub für die Außenwelt, ihren eigenen Überzeugungen lauschen, die von den Wänden widerhallen.“

Demokratie aber lebe vom Meinungsaustausch, so Gauck. Und rät da auch den Medien zur Selbstkritik. Denn Journalisten sei der Aufenthalt in Echoräumen auch nicht fremd.

„Die Selbstbefragung der Zunft stellt gerade heraus, dass Journalisten auch bei uns zuweilen versucht waren und sind, in die Echoräume des politischen Gleichklangs zu fliehen und Meinungen, die ihnen nicht behagen oder sie selbst nicht teilen, abzuwerten oder eben einfach zu ignorieren.“

Wahrhaftig und fair berichten rät der Bundespräsident und vor allem Verachtung und Kritik unterscheiden.

Zuletzt aktualisiert: 16.08.2018, 04:29:33