Arbeiten 4.0: Nahles und die Zukunft der Arbeit

Gepostet am 29.11.2016 um 15:10 Uhr

Digitalisierung, Automatisierung, Globalisierung – unsere Arbeit befindet sich im Umbruch. Das hat Folgen für den Arbeitsmarkt, die Beschäftigten und Unternehmen. Arbeitsministerin Nahles will den Wandel gestalten.

Rund 230 Seiten ist es dick, das Weißbuch „Arbeiten 4.0“. Anderthalb Jahre lang haben Experten aus dem Bundesarbeitsministerium dafür Gespräche mit Gewerkschaftern, Arbeitgebern und Beschäftigten geführt. Die Leitfragen dabei: Wie verändert sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Und welche Voraussetzungen muss die Politik schaffen, um Arbeitsplätze zu erhalten und den Arbeitsschutz zu gewährleisten. Endgültige Antworten auf diese Fragen hat Arbeitsministerin Andrea Nahles noch nicht parat:

„Wir wissen es noch nicht präzise und genau. Wir müssen es in der betrieblichen Wirklichkeit erproben. Wir müssen gemeinsam lernen: Unternehmen, Beschäftigte, Wissenschaft und Politik.“

Für den Lernprozess will Nahles sogenannte Experimentierräume schaffen, in denen die Tarifpartner flexible Arbeitszeitmodelle vereinbaren können. In einer zweijährigen Probephase soll es diesen Betrieben möglich sein, vom klassischen Acht-Stunden-Tag abzuweichen.

„Mein Vorschlag dafür ist ein Wahlarbeitszeitgesetz, das einen neuen Rahmen dafür setzt. Mit Rechten für Beschäftigte, ihre Arbeitszeit der Lebensphase anzupassen, oder Lage der Arbeitszeit und Ort der Arbeit mit dem Arbeitgeber erörtern zu können.“

Das soll den Arbeitnehmern ermöglichen, Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Allerdings soll es klare Grenzen geben für die maximale Länge der Arbeitszeit, außerdem gesicherte Ruhezeiten und eine klare Aufzeichnungspflicht für die geleistete Arbeit. Ein ganz wichtiger Baustein beim Thema Arbeiten 4.0 ist für Ministerin Nahles die Qualifizierung der Beschäftigten. Die SPD-Politikerin spricht sich für ein lebenslanges Recht auf Weiterbildung aus:

„Wenn wir wollen, dass die Fachkräfte von morgen zur Nachfrage von morgen passen, müssen wir mehr tun für Qualifizierung und Weiterbildung, und zwar im ganzen Erwerbsleben.“

Bei den Gewerkschaften stößt Nahles damit auf offene Ohren. Der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann gibt allerdings zu bedenken, dass manche Beschäftigte eine Pflicht zur Weiterbildung auch als Bedrohung empfinden könnten. Auch könne sich nicht jeder eine Auszeit für Qualifizierungsmaßnahmen leisten.

„Es muss machbar sein für die Menschen. Dazu gehören Zeit und Geld. Zeit – wir haben durchaus auch in unseren Tarifverträgen zwischenzeitlich Möglichkeiten, für Weiterbildung sich freistellen zu lassen. Aber wer kann sich das leisten?“

Die Lösung könnte ein persönliches Erwerbstätigenkonto sein, das Arbeitsministerin Nahles in ihrem Weißbuch vorschlägt: Jeder Bundesbürger soll zu Beginn seines Berufslebens ein Startguthaben erhalten. So könnten Einkommensausfälle bei Teilzeitphasen, Auszeiten oder bei Qualifizierungsmaßnahmen kompensiert werden. Das stößt auf Skepsis bei Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer – vor allem wegen der Finanzierung:

„Frau Nahles hat diesen Gedanken vorhin in die Öffentlichkeit getragen. Ich glaube, sie hat den zweiten Absatz noch nicht vorgetragen, wo das Geld herkommt.“

Solche Berechnungen liefert das Weißbuch „Arbeiten 4.0“ tatsächlich nicht. Soll es auch nicht. Die Vorschläge sind als Diskussionsgrundlage gedacht, auch innerhalb der Bundesregierung. Was davon möglicherweise noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden kann, müssen die Koalitionspartner miteinander aushandeln.

Zuletzt aktualisiert: 06.12.2019, 23:45:18