Schulz im Anmarsch – aber als was genau?

Gepostet am 24.11.2016 um 15:40 Uhr

Der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz will in die Bundespolitik wechseln. Aber das Bundestagsmandat allein wird dem Machtmenschen Schulz nicht reichen. Was also noch? Außenminister oder Kanzlerkandidat der SPD?

Im Fernsehen hat Martin Schulz schon gegen Sigmar Gabriel gewonnen. Da schaltet ein Nachrichtensender fix weg vom Vizekanzler im Bundestag, der gerade seinen Wirtschaftsetat verteidigt, hin zum Noch-EU-Parlamentspräsidenten mit Wechselabsichten in die Bundespolitik:

„Ich werde nun von der nationalen Ebene aus für das europäische Projekt kämpfen. Ich werde mich weiter dafür einsetzen, das Leben der Menschen ein bisschen besser zu machen.“

Das Video erscheint in Kürze.

Schulz erklärt sich auf Deutsch, Englisch und Französisch – drei weitere Sprachen kann er außerdem. Hier zeigt einer, dass er weltläufig ist. Wäre er auch ein guter künftiger Außenminister? Schulz selbst schweigt dazu. Für den SPD-Abgeordneten Matthias Miersch ist das aber sonnenklar:

„Für die Bundesrepublik Deutschland ist das wirklich eineChance, einen neuen kompetenten Außenminister zu bekommen, und damit die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier mit jemandem zu besetzen, der, glaube ich, wie kein anderer die Welt kennt.“

Im Bundestagsplenum lächeln viele Sozialdemokraten, als die Schulz-Meldung die Runde macht. Es gibt große Zustimmung für den früheren Buchhändler aus einem Dorf bei Aachen, der den Spitznamen „der Kissinger von Würselen“ trägt. Kann er der SPD im Bund wieder mehr Auftrieb geben? Umfragen sagen das. Dass Schulz beliebter sei als Sigmar Gabriel, sowohl in der Partei, als auch in der Bevölkerung. Und damit als Herausforderer der Kanzlerin gefährlicher werden könnte. Touristen im Berliner Regierungsviertel sind mehrheitlich allerdings ratlos. Martin Schulz? Wer?

„Äh… ich bin raus. Wer soll das sein?“
„Ich kenne ihn, aber ich habe mir keine Meinung über ihn gebildet.“
„Ja, so eine Art Chef vom Europaparlament, und der soll jetzt Bundeskanzler werden?“
„Da bin ich mir nicht sicher: Er ist doch nicht so präsent in der deutschen Tagespolitik. Gabriel ist doch viel bekannter. Und er ist einer, der auf die Kacke hauen kann. Schulz ist einer, der mehr nachdenkt, bevor er auf die Kacke haut.“

Bloß keine Hektik

Nachdenken und dann losschlagen. Das genau will jetzt auch die SPD. Sie will sich nicht hetzen lassen bei der spannenden Frage: Welches der Alphatiere setzt sich durch? Schulz oder Gabriel? Und in welcher Funktion? Schulz als Außenminister, Gabriel als Parteichef – und wer von beiden dazu noch als Kanzlerkandidat? Könnte Sigmar Gabriel, der bald wieder Vater wird, vielleicht doch – erneut – einen anderen vorschicken? Bei aller Zufriedenheit über den Wechsel von Schulz nach Berlin macht die SPD-Parteizentrale klar: Wir lassen uns jetzt bei diesen wichtigen Entscheidungen nicht hetzen. Der Zeitplan bleibt und der sieht laut Matthias Miersch weiterhin so aus:

„Ich gehe davon aus, dass wir Ende Januar ganz in Ruhe beraten, wer die besseren Chancen hat, und dann entscheiden“.

Aber lässt sich die K-Frage für Parteichef Gabriel so lange aussitzen? Denn wenn er nicht als Kandidat antritt, dann könnte über kurz oder lang auch der Parteivorsitz für ihn wackeln. Und dieses Amt ist Gabriel am allerwichtigsten. Zuletzt haben sich beide, Gabriel und Schulz, zwar öffentlich weiterhin hochgelobt. Gabriel nannte die Rückkehr von Schulz auf Twitter eine gute Entscheidung für Deutschland. Schulz wiederum attestiert Gabriel Führungsqualitäten, wie zuletzt beim CETA-Konvent der SPD in Wolfsburg:

„Ich glaube dass Sigmar Gabriel heute nicht nur seinen Führungsanspruch, sondern auch seine Führungsfähigkeiten unter Beweis gestellt hat!“

Hat die enge Freundschaft wirklich gelitten, wie manche Genossen erfahren haben wollen? Denn ein Duo ist durchaus denkbar: Der Außenpolitiker Schulz eingehakt mit dem Wahlkämpfer Gabriel. Ob das aber erst im Januar entschieden werden kann, ist fraglich.

Zuletzt aktualisiert: 16.09.2019, 17:26:51