Taliban greifen Generalkonsulat in Masar-i-Scharif an

Gepostet am 11.11.2016 um 16:35 Uhr

Bis in das Gebäude des deutschen Konsulats sollen die Angreifer eingedrungen sein, gab Außenminister Steinmeier bekannt. Trotz des Anschlages will die Regierung an ihrem Engagement in Afghanistan festhalten.

Falls die Bilder aus Masar-i-Scharif nicht schon deutlich genug waren, wurde spätestens beim Statement von Außenminister Frank-Walter Steinmeier klar, wie schwer der Angriff auf das deutsche Konsulat war:

„Es ist erst nach Kampfhandlungen, die auch auf dem Gelände und dem Gebäude des Generalkonsulats stattgefunden haben, gelungen, die Angreifer abzuwehren und zurückzuschlagen.“ Außenminister Frank-Walter Steinmeier

Bis ins schwer gesicherte Gebäude drangen die Angreifer also vor, die 20 deutschen und afghanischen Konsulatsmitarbeiter waren in großer Gefahr. Deshalb auch große Erleichterung in Berlin:

„Wir sind froh, dass die Angehörigen des Konsulats vollständig evakuiert werden konnten und jetzt in Sicherheit sind.“ Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

Eingreiftruppe nach 90 Minuten vor Ort

War die deutsche Vertretung gut genug geschützt? Diese Debatte will der grüne Abgeordnete Omid Nouripour nicht aufmachen: „Wenn man sich anschaut, welche dicken Mauern da weggesprengt worden sind, muss die Sprengladung immens gewesen sein. Das heißt, es gibt tatsächlich Grenzen des Schutzes.“

Eins allerdings irritiert ihn: Es dauerte 90 Minuten, bis Bundeswehrsoldaten aus dem nahegelegenen Camp Marmal vor Ort am Konsulatsgebäude waren und halfen, die Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen. 90 Minuten Reaktionszeit für eine schnelle Eingreiftruppe – ist das nicht ziemlich lang?

Nein, sagt Markus Klebb, Sprecher des Verteidigungsministeriums: „Eine Quick Reaction Force in Afghanistan können sie nicht vergleichen mit einer Polizei in Berlin, die ständig in Bereitschaft sitzt, um sofort um den nächsten Häuserblock zu fahren.“

Erstmal müsse man die Lage genau einschätzen, dann dauere es nochmal eine gewisse Zeit, bis man das Bundeswehr-Camp verlassen könne. Der Sprecher sagt: Nach ersten Erkenntnissen ist die Unterstützung gut gelaufen.

Hintergründe für Angriff

Schmallippig reagiert die Regierung auf die Frage nach dem Bekennerschreiben der Taliban, in dem es heißt: Der Angriff sei ein Racheakt dafür, dass die Deutschen Geheimdienstinformationen für einen US-Luftangriff in Kunduz in der vergangenen Woche zugegeliefert hätten, bei dem 32 Zivilisten starben.

„Ich nehme eine – auch in vielerlei anderer Hinsicht total falsche -Erklärung der Taliban zur Kenntnis, ich mache sie mir aber nicht zu eigen.“ Außenamtssprecher Martin Schäfer

Die Bundesregierung hält auch nach dem Anschlag am Engagement in Afghanistan fest, während Politiker der Linkspartei wie Stefan Liebich ihn zum Anlass nehmen, ihre alte Forderung zu erneuern, „dass der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan falsch ist und beendet werden muss. Das finden wir aber ohnehin. Und er zeigt, dass die Sicherheitslage in Afghanistan weiterhin prekär ist.“

Und zwar nicht nur für die Mitarbeiter deutscher Konsulate und Bundeswehrsoldaten, sondern auch für die afghanische Bevölkerung, sagt die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl. Ihr Chef Günter Burkhard hält die Einschätzung der Bundesregierung, es gebe sichere Regionen in Afghanistan, für völlig falsch:

„Deswegen fordert Pro Asyl eine sofortige Beendigung der Abschiebungsversuche nach Afghanistan. Das Land ist nicht sicher, die Menschen brauchen Schutz.“ Günter Burkhard, Chef von Pro Asyl

Aus Afghanistan kommen nach Syrien die meisten Flüchtlinge nach Deutschland – aber nur knapp jeder zweite bekommt einen Schutzstatus zugesprochen. Anfang Oktober hatte die EU mit Afghanistan mehr und schnellere Rückführungen vereinbart. Als sichere Region hatte die Bundesregierung unter anderem Masar-i-Scharif identifiziert.

Zuletzt aktualisiert: 23.10.2019, 16:15:53