Präventionsnetzwerk “Kein Täter werden” zieht Bilanz

Gepostet am 26.10.2016 um 07:03 Uhr

Etwa 12.000 Kinder und Jugendliche werden jedes Jahr sexuell missbraucht, so vorsichtige Schätzungen. Unterstützung für die Opfer gibt es viele, an Kitas und in Schulen. Das Netzwerk “Kein Täter werden” wendet sich dagegen an die Täter, an pädophile Männer.2005 fing die Berliner Charité mit dem Projekt an. Mittlerweile gibt es bundesweit Standorte. Heute wurde eine Bilanz gezogen.

Schon früh habe ich gemerkt, dass ich anders ticke. Krank, pervers, Abschaum. Dachte ich ja auch. Dabei habe ich meine Fantasien noch nie ausgelebt!

Ausschnitte aus einem Werbespot des Netzwerks “Kein Täter werden”. Das Projekt richtet sich an Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Und das sind etwa ein Prozent der Männer ab 18 in Deutschland, in absoluten Zahlen: 250.000. Viele von ihnen leiden unter ihrer Neigung, das erlebt Klaus Beier, Sexualmediziner von der Berliner Charité, fast täglich.

Man kann klar sagen: Pädophilie ist eine Diagnose und kein Verbrechen. Wir haben folgendes festgestellt in unseren Untersuchungen: Sie haben eine große Angst vor sozialer Stigmatisierung, sie haben Depressionen, sie haben Rückzugstendenzen, sie haben emotionale Vereinsamung. Ich sage Ihnen folgendes: Das sind die Kennzeichen und die Risikofaktoren für die Begehung von Übergriffen und die Nutzung von Missbrauchsabbildungen.

Tatsächlich: 40 Prozent der Männer, die zur Beratung in die Charité kommen, geben zu, Kinderpornos zu konsumieren. 30 Prozent räumen ein, schon einmal ein Kind missbraucht zu haben, nochmal 15 Prozent beides. Im Projekt “Kein Täter werden” sollen sie lernen, ihr Verhalten so zu kontrollieren, dass sie ihre Phantasien nicht mehr ausleben. Das ist Präventionsarbeit im besten Sinne, findet Christiane Wirtz, Staatssekretärin im Bundesjustizministerium.

Diese Hilfe ist sicherlich auch die beste Hilfe für die Opfer, der beste Opferschutz, den man sich vorstellen kann.

An mittlerweile 11 Standorten bundesweit werden Männer mit pädophilen Neigungen therapiert, einzeln oder in Gruppen. Manche bekommen auch Medikamente, die den Testosteronspiegel im Blut senken. Ganz wichtig: Alles läuft anonym ab.

Gut 7000 Männer haben sich bislang an eines der Projekte gewendet, 600 von ihnen haben eine Therapie begonnen, 250 schlossen sie ab. Wie viele von denen wiederum rückfällig wurden, ist – wegen der Anonymität – schwer zu erfassen. Dennoch bewerten Politik und Experten die Arbeit des Netzwerk positiv. Auch in punkto Forschung. Aus vielen Ländern kommen Anfragen, berichtet Uwe Hartmann, der stellvertretende Sprecher von “Kein Täter werden”.

Durch diesen gemeinsamen Datenpool, den wir generieren können in diesen inzwischen elf Standorten, haben wir die Möglichkeit, eine weltweit wirklich auch einmalige Datenbasis auch zu bekommen. Und man muss sagen, dass wir in Deutschland in der Pädophilieforschung vorne liegen.

Die Finanzierung ist allerdings noch nicht ganz gesichert. Die Förderung aus dem Bundesjustizministeriums läuft zum Jahresende aus. Aber voraussichtlich springen die Krankenkassen ein. Stichwort: Prävention. In den kommenden 5 Jahren wollen sie 5 Millionen Euro jährlich beisteuern, darauf haben sie sich mit dem Bund geeinigt, so das Bundesgesundheitsministerium.

Wenn die Gesetzesänderung dafür durch den Bundestag geht, soll “Kein Täter werden” auch noch anderswo aktiv werden. In drei Städten laufen die Verhandlungen.

 

Zuletzt aktualisiert: 17.10.2018, 15:45:59