Ein Jahr “Wir schaffen das!” – was ist draus geworden?

Gepostet am 31.08.2016 um 07:00 Uhr

Vor genau einem Jahr sagt Angela Merkel, berühmt für ihre Nüchternheit, den einen Satz, mit dem sie wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird: “Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das.” Ein Rückblick von Julia Barth.

Es sind Bilder mit einer unglaublichen Wucht, die sich bei Angela Merkel eingebrannt haben. Als sie Ende August vor die Hauptstadtpresse tritt, sind erst wenige Tage vergangen seit dem grausamen Fund auf einer Autobahnraststätte in Österreich – 71 Flüchtlinge, erstickt in einem LKW. „Von skrupellosen Schleppern zu Grunde gerichtet. Das sind solche Gräueltaten, die man gar nicht fassen kann.“

Die Wucht der Worte hat die Kanzlerin gerade in Heidenau zu spüren bekommen. Beim Besuch einer Flüchtlingsunterkunft, vor der wenige Wochen zuvor rechte Hetzer randaliert haben, ist nun sie heftigen Beschimpfungen ausgesetzt: „Volksverräterin! Zeig dein hässliches Gesicht!“

Doch Merkel will an diesem heißen Spätsommertag in Berlin Mut machen. Denn der Sommer 2015 bringt auch etliche positive Bilder. Geschichten einer beispiellosen Willkommenskultur.

„Und es macht mich stolz und dankbar zu sehen, wie unzählige Menschen in Deutschland auf die Ankunft der Flüchtlinge reagieren. Die Zahl derjenigen, die heute für Flüchtlinge da sind, überragt die Zahl der Hetzer und Fremdenfeinde um ein Vielfaches.“

Und dann sagt Angela Merkel diesen Satz, der ihre Kanzlerschaft prägen und verändern wird wie kein anderer Satz zuvor. „Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein, wir haben so vieles geschafft, wir schaffen das! Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden.“

Wer wir sind, sagt die Kanzlerin nicht. Und wie wir das schaffen, erklärt sie kaum. Sie setzt auf die Europäische Lösung und ahnt da wohl noch nicht, wie wenig ihre EU-Partner bereit sind mitzuspielen.

Keine Woche später bekommt sie einen ersten Eindruck davon. Am Bahnhof in Budapest sind tausende Flüchtlinge gestrandet. Sie wollen nach Deutschland. Und Ungarns Regierungschef Viktor Orban will sie nicht aufhalten, zwingt Merkel und ihren österreichischen Amtskollegen Faymann zum Handeln.

Dieses Mal bleibt keine Zeit, die Dinge vom Ende her zu denken. Merkel fürchtet eine humanitäre Katastrophe und trifft binnen weniger Stunden die umstrittenste Entscheidung in zehn Jahren Kanzlerschaft. Sie lässt die Flüchtlinge ins Land.

„Und ich bin sehr dankbar dir, dass du bei dieser Entscheidung nicht zögerlich warst.“ sagt der damalige Kanzler Österreichs bei einer gemeinsamen Pressekonferenz einige Tage später. „Es war eine Entscheidung zu sagen, wir lassen diese Leute nicht im Stich.“

Dass diese Entscheidung eine einmalige Ausnahme bleiben soll, geht in diesen Tagen unter. Allein am ersten Wochenende erreichen 17.500 Menschen den Münchner Hauptbahnhof. Beklatscht und umsorgt von hunderten Freiwilligen, die sie dort in Empfang nehmen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer wird vor vollendete Tatsachen gestellt. Dass die Kanzlerin ihn nicht eingebunden hat, kann er ihr nicht verzeihen. Die Entscheidung an sich hält er für fatal. „Das Problem besteht ja darin, dass eine Regel außer Kraft gesetzt wurde, aber kein Plan da ist, wie diese Dinge jetzt bewältigt werden sollen. Es war ein Fehler.“

Bayern bewältigt diese Dinge recht gut. Doch der Strom reißt nicht ab. Bis zu 10.000 Flüchtlinge täglich erreichen München in den nächsten Wochen, ohne Passkontrolle, ohne Registrierung. Weil Angela Merkel sie eingeladen, eine Sogwirkung entfacht hat, ist Horst Seehofer überzeugt.

Mit der Öffnung der Grenze und mit einem Selfie, das über die sozialen Netzwerke um die Welt geht. Es zeigt die Kanzlerin mit einem strahlenden Flüchtling und lässt sie in den Lagern an der syrischen Grenze als Heilsbringerin erscheinen.

„Klarer Beleg dafür, dass die Angelegenheit vollständig aus den Fugen geraten ist.“ Seehofer ist einer der härtesten, aber längst nicht der einzige Kritiker Merkels. Während vor allem SPD und Grüne ihr den Rücken stärken, sehen nicht wenige aus der Union die Sache ähnlich wie der CSU-Chef.

Politisch wird sich die Bundesregierung schnell von einer bedingungslosen Willkommenkultur verabschieden. Doch die Kanzlerin ist nicht bereit, Fehler einzuräumen. Im Gegenteil: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen noch ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“

Doch wie viel Zuwanderung verträgt dieses Land? Schaffen wir das wirklich? Endgültig beantwortet sind diese Fragen bis heute nicht.

Zuletzt aktualisiert: 17.12.2017, 15:03:20