Ein offenes Geheimnis

Gepostet am 01.07.2019 um 09:41 Uhr

Vertrauliche Protokolle und interne Mails zeigen, wie Audi-Mitarbeiter sich über Diesel-Manipulationen austauschten. Auf Kontrollbehörden wurde eher spöttisch geblickt. Von A. Meyer-Fünffinger, J. Streule und L. Wreschniok.

Vertrauliche Protokolle und interne Mails zeigen, wie Audi-Mitarbeiter sich über Diesel-Manipulationen austauschten. Auf Kontrollbehörden wurde eher spöttisch geblickt.

Von Arne Meyer-Fünffinger, Josef Streule und Lisa Wreschniok, BR

Es ist der 16. Mai 2003. Um 8.51 Uhr klickt ein Audi-Entwickler im Mailprogramm seines Computers auf „Senden“. Im Postfach mehrerer Kollegen landet daraufhin ein Gedicht. Es ist Teil von tausenden internen Audi-Dokumenten, die Reporter des Bayerischen Rundfunks und des „Handelsblatts“ ausgewertet haben.

„Defeat device, komm her zu mir“

Der Entwickler schildert frei nach Goethes Erlkönig in acht Strophen, wie Audi bei der Manipulation von Motoren vorgehen will: durch den Einsatz einer unzulässigen Abschalteinrichtung (Englisch: „Defeat Device“). In Strophe drei heißt es: „Defeat Device, kommt her zu mir. Gar schöne Spiele spiel ich mit dir. Manch‘ Schweinerei liegt auf der Hand, die ich will verdecken mit dem Hystereseband.“

Auch mit den Kontrollbehörden befasst sich der Gedichtschreiber, allerdings eher spöttisch: „Seid ruhig, bleibt cool, wahrt Euer Gesicht, es murrt nur der TÜV, die Carb merkt das nicht.“ Ausgerechnet die kalifornische Emissionsschutzbehörde CARB wirkt später maßgeblich daran mit, dass die Manipulationen bei Diesel-Motoren von Volkswagen und Audi im Herbst 2015 bekannt werden.

Unzulässige Abschalteinrichtung

Das Gedicht zeigt: Die Manipulation von Abgastests war bei Audi schon 2003 Thema. Tatsächlich kommt von 2003 bis 2010 mit der so genannten „Akustikfunktion“ eine unzulässige Abschalteinrichtung zum Einsatz, und zwar in Audi-Diesel-Fahrzeugen der Schadstoffklasse Euro 4. Das schreibt das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in einem internen Vermerk vom 26. Juli 2018, der BR Recherche vorliegt. Darin heißt es, die Funktion stelle sicher, „dass der Emissionsgrenzwert für Stickoxide unter Typprüfbedingungen sicher eingehalten wird“, sie werde deswegen „als unzulässige Abschalteinrichtung eingestuft“.

Die Behörde hat bis heute keine Konsequenzen gezogen. Einen Rückruf der Euro-4-Diesel gibt es bisher nicht. Auf Anfrage äußern sich weder das KBA noch das übergeordnete Bundesverkehrsministerium zu diesem Sachverhalt.

Interne Warnungen verhallen

Über Jahre bringen Audi und VW manipulierte Diesel-Fahrzeuge auf den Markt. Eine Software sorgt dafür, dass diese auf dem Prüfstand sauberer abschneiden als auf der Straße. Wie riskant dieses Vorgehen ist, ist Mitarbeitern offenbar bewusst. Ein Beispiel: 2009 entdeckt ein Techniker, dass die unzulässigen Eingriffe auch seine Abteilung in Bedrängnis bringen könnten. Er warnt: „Wenn das auffliegt, sind wir auch tot.“

2013 nehmen Zulasser eine Risikoeinschätzung für den US-Markt vor, die an mehrere Vorgesetzte geht. Die Gefahr, in den USA aufzufliegen, wird offen ausgesprochen. Trotzdem passierte offenbar nichts.

Insider spricht von Angst-Kultur

Ein hochrangiger Manager – er kennt den VW-Konzern seit vielen Jahren von innen – macht auch die Unternehmenskultur verantwortlich dafür, dass sich der Dieselskandal über Jahre hinweg bei VW und den Tochterfirmen entwickeln konnte. Der Insider überlegt lange, ob er sich in einem Interview dazu äußern soll. Er willigt schließlich ein, unter einer Bedingung: Anonymität.

Seiner Ansicht nach gab es im Konzern ein schwach ausgeprägtes Unrechtsbewusstsein. Und: Es habe eine „Angstkultur“ geherrscht: „Dazu gehört, keine schlechten Botschaften zu überbringen.“

Nach Bekanntwerden des Diesel-Skandals habe er immer wieder an das mehrfach überlieferte Zitat eines VW-Vorstandes denken müssen. Dieser habe gesagt: „Es gibt Gesetze, und es gibt Volkswagen. Und Volkswagen macht seine eigenen Gesetze.“ Das beschreibe die Denkweise im Konzern sehr gut, so der Insider.

„Kombination aus Firmenkultur, Geldgier und Arroganz“

Jack Ewing, Wirtschaftskorrespondent der „New York Times“ in Frankfurt am Main, hat sich für sein 2017 veröffentlichtes Buch über den Diesel-Skandal ausführlich mit der Unternehmenskultur bei Volkswagen und Audi beschäftigt. Der Diesel-Skandal ist für ihn die Folge einer „Kombination aus Firmenkultur, Geldgier und Arroganz“, sagt Ewing im BR-Interview.

Audi will Unternehmenskultur verändern

Es dauere lange, eine Kultur zu verändern, sagt Christine Speth, Leiterin der Abteilung Unternehmenskultur bei Audi dem BR: „Das ist ein Prozess, das geht über Jahre, Jahrzehnte.“ Sie räumt ein, dass im Zusammenhang mit dem Diesel-Skandal falsche Entscheidungen getroffen worden seien. Audi vermittele deswegen seinen Mitarbeitern nun, Fehler offen anzusprechen. Das Unternehmen nennt das jetzt „Mutkultur“.

Zuletzt aktualisiert: 21.09.2019, 02:34:09