Was bringt der Arbeitsmarkt der Zukunft?

Gepostet am 10.09.2018 um 17:54 Uhr

Die SPD will Zukunfts- und Abstiegsängste bekämpfen. Thomas Kreutzmann hat sich angeschaut, wie Arbeitsminister Heil verhindern will, dass das digitale Deutschland zur Zone frei von Arbeitnehmerrechten und Mitbestimmung wird.

Zukunfts- und Abstiegsängste hat die SPD als den Stoff identifiziert, aus dem die Alpträume der Bundesbürger sein sollen. Dabei hat sie aber nicht wie die Konkurrenz von der AfD die Zuwanderung im Blick, sondern den digitalen Wandel. Hinter dem langweiligen Begriff verbergen sich Arbeitsplatzkiller, die Millionen Jobs wegrationalisieren werden: etwa digitale Bezahlsysteme, die die Arbeitsplätze von Kassiererinnen und Kassierern in Supermärkten überflüssig machen.
Oder Finanz-Apps, die das Gleiche mit den Posten von Bankmitarbeitern tun.

Diese Zukunft habe längst begonnen, aber sie beinhalte auch jede Menge Chancen, lautet die „Erzählung“ von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, SPD.
Er tourt seit Montag mit einem „Zukunftsdialog Neue Arbeit – Neue Sicherheit“ durch die Republik. Den Anfang machte er im Berliner Westhafen, wo halb restaurierte, graumausige Backsteinbauten und alte Kräne daran erinnern, wie das früher mit der körperlichen Arbeit war, bevor die Dienstleistungsgesellschaft kam. Heil plant Gesetze mit Antworten auf Probleme des digitalen Wandels. Vorher will er – neuer Stil – mit Betroffenen reden.


Antworten auf Probleme des digitalen Wandels

Und das hat er in Berlin getan: etwa mit einer Kölner Studentin, die für einen Essenslieferservice gearbeitet hat, und sagt: „Mein Chef war eine App.“ Diese App bestellte sie ins Restaurant zum Essenholen und schickte sie damit zum Kunden. Die Fahrradlieferantin war damit ganz einverstanden. Aber nur dumm, dass die Firma, anders als die Studentin, keinen Betriebsrat wollte. Inzwischen beschäftigt der Lieferservice keine Mitarbeiter mehr, sondern arbeitet, zur Betriebsratsvermeidung, lieber mit Selbständigen – die vielleicht auch nur Schein-Selbständige sind, genau weiß man das noch nicht.

Arbeitnehmerrechte in der digitalen Zukunft

Da will der Minister nachhaken, denn ohne Arbeitnehmerrechte soll es auch in der digitalen Zukunft nicht gehen. Wo allerdings die Rollen und Arbeitsbeziehungen sich schneller wandeln dürften als jetzt: eben noch per Zeitvertrag angestellt, dann selbständig, dann selbst Chef. Weiter hatte Heil einen pfiffigen Arbeitgeber im Gespräch, der in seinem Malerbetrieb alles über den Computer macht – Auftragsannahme, Disposition, Materialeinkauf. Alles.

Seine Arbeitsabläufe hat er damit so optimiert, dass er selbst die überbordende Bürokratie einigermaßen bewältigen und seine Organisationskosten gering halten kann. Und über das Internet finden ihn seine Kunden und empfehlen ihn weiter. Werbung muss er nicht mehr kaufen. Damit hat er aus einem Minibetrieb mit einem einzigen Mitarbeiter einen prosperierenden kleinen Mittelständler mit 22 Mitarbeitern geschaffen.

Alle sollen mithalten können

Digitalisierung schafft also auch Jobs, und Minister Heil denkt darüber nach, ob der Staat Anschaffungen an Hard- und Software mehr fördern sollte als bisher. Aber vor allem lautet die Botschaft fortschritts-optimistischer Sozialdemokraten: „Wir arbeiten am vorsorgenden Sozialstaat.“ Denn: „Es geht um das Vertrauen in unsere Gesellschaft.“ Niemand soll sich abgehängt fühlen – auch nicht vom Fortschritt. Die Arbeitnehmer sollen mithalten können und fortgebildet werden, wenn schon der Maler nicht mehr ohne PC auskommt. Aber, so beruhigt Firmenchef Markus Massmann: „Man braucht keine wahnsinnigen EDV-Kenntnisse!“

Und die notwendigen Kenntnisse will Heil vermitteln, wenn es die Firmen nicht machen können oder wollen: durch einen Rechtsanspruch auf Fortbildung. Damit auch Ältere wissen, dass sie nicht abgehängt werden durch den Technologiewandel am Arbeitsmarkt. Oder dass sie gegebenenfalls auch komplett umschulen können, wenn Jobs in der Produktion oder in Dienstleistungen wegfallen. Erzieher, Kranken- oder Altenpfleger könnten stattdessen Perspektiven sein, findet Heil.

Grundsicherung für Kinder?

Mitte September will er sein „Qualifizierungs-Chancengesetz“ durchs Kabinett bringen – als ersten Schritt um Arbeitnehmern zusätzliche Qualifizierung zu ermöglichen. Und seinen Dialog mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern will er mit einer Tournee durch weitere Großstädte fortsetzen – um am Ende aus Gesprächen mit Betroffenen weitere Initiativen zu starten.

Neben einem umfassenden Maßnahmenpaket mit gesetzgeberischen Antworten auf die Digitalisierung in den Betrieben könnte es auch einige linke Akzente geben – etwa im Umgang mit Hartz IV. Heil zeigte sich genervt von ellenlangen Antragsverfahren und Offenlegungspflichten für die Antragsteller, und kritisch gegenüber Sanktionen sowie gegenüber dem „Umgangston“ zwischen Amt und Arbeitslosen: „Das müssen wir hinterfragen.“

Gänzlich unerwartet erklärte Heil bei der Digitalisierungskonferenz auch, dass er über eine eigene „Grundsicherung für Kinder” nachdenke. Das wäre eine Art „Kinder-Hartz IV“ um Armut bei Alleinerziehenden entgegenzuwirken. Motto: Mit dem erneuerten Sozialstaat in den digitalen Wandel, oder „Zurück in die Zukunft“. So stellt sich das die SPD vor.

Zuletzt aktualisiert: 25.09.2018, 13:44:30