Gefluechtete werden Auszubildende bei den Berliner Wasserbetrieben. (Quelle: Imago)

“Arbeitsintegration”: ein mühsames Geschäft

Gepostet am 14.03.2017 um 15:04 Uhr

Wenn es um Flüchtlinge und Arbeitsmarkt geht, haben Arbeitgeber und Politiker ein gemeinsames Interesse: Beide sollen schnellstens zusammen kommen. Das schafft sozialen Frieden und Wachstum –  in den Firmen und in Deutschland. Vielleicht aus diesem Grund haben sich die Arbeitgeberverbände BdA und DIHK nicht gescheut, der sonst bei ihnen nicht immer beliebten Bundesarbeitsministerin von der SPD samt Vertretern der OECD Unterkunft  für eine  Fachtagung zur „Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Deutschland“ im noblen Berliner „Haus der Wirtschaft“ zu gewähren.

Erster Erkenntnisgewinn:

auch wenn Politik und Wirtschaft unter Flüchtlingen weiterhin ein interessantes Arbeitskräftepotenzial vermuten, haben sie den rosaroten Schleier der Willkommenskultur jetzt halb gelüftet. Niemand glaubt noch an die massenhafte Zuwanderung syrischer Chefärzte und irakischer Top-Ingenieure. Wie auch? 82 % der Flüchtlinge sind jünger als 35 Jahre. Bis zu diesem Alter müssten schon akademische Blitzkarrieren vorliegen.

Andererseits hätten recht viele junge Flüchtlinge eine Bildung, aus der man etwas machen kann, meint Arbeitsministerin Andrea  Nahles. Sie böten viel Potenzial und seien hoch motiviert.  Die OECD nennt recht hohe Zahlen von rund zwei Dritteln Realschul-, Gymnasial- und Hochschulausbildung für Asylbewerber im ersten Halbjahr 2016.

Allerdings muss man solche Angaben hinterfragen.

Die Schulbildung und Abschlüsse, erst recht in Bürgerkriegsländern wie Syrien, sind mit denen in Deutschland meist nicht vergleichbar. Bleiben also fehlende Sprach- und Schulkenntnisse als Integrationshemmnisse. Aber für Politik und Wirtschaft sind sie nicht unüberwindbar, wie sie heute deutlich machten.

Nahles zitierte eine aktuelle Studie der Entwicklungsorganisation OECD. Danach zeigen sich 80% der im OECD-Auftrag befragten deutschen Arbeitgeber, die Flüchtlinge beschäftigen,  zufrieden mit deren Leistungen. Allerdings müssen Flüchtlinge überhaupt erst einmal zeigen dürfen, was sie können.

Und das ist der zweite Erkenntnisgewinn der Tagung:

Einige Hindernisse bei der Arbeitsaufnahme sind für Flüchtlinge in Deutschland inzwischen abgeschafft – aber noch nicht genug.

Im August 2016 hat die Bundesregierung per Integrationsgesetz Flüchtlingen den Weg in den Arbeitsmarkt erleichtert. Dazu zählt, dass Flüchtlinge nun auch älter als 21 Jahre sein dürfen, um eine deutsche Berufsausbildung zu beginnen.

Ingo Kramer (Quelle: ARD-Hauptstadtstudio)Warum aber dürfen nicht auch ältere Jugendliche und junge Erwachsene unter den Flüchtlingen in Deutschland in die Schule, fragte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer am Dienstag und forderte Nachbesserungen. Und warum dürfen nicht in allen Ländern der Bundesrepublik jene abgelehnten Asylbewerber, die eine dreijährige Berufsausbildung absolviert haben, noch mindestens zwei Jahre lang in ihrem Betrieb arbeiten?

– Das ist bisher von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Ausgerechnet in Bayern, dessen heimische Industrie-und Handelskammer die sogenannte „3 + 2 Regelung” entwickelt hat, blockt die Landesregierung das ab. Doch warum sollen Betriebe ausbilden, wenn sie fürchten müssen, dass die Azubis nach der Lehre eventuell Deutschland  wieder verlassen müssen? Und warum berechtigt nicht die Aufnahme einer Einstiegsqualifizierung und erst recht einer Lehrstelle sofort zu einer Duldung?

Solche Ideen aus IHKs und BdA mögen vielen einleuchten. Andere Forderungen der Wirtschaft sind strittig, etwa, Flüchtlingen den Zugang in Leiharbeiterjobs zu  ermöglichen.

Unter dem Strich zeigt sich bei der Berliner Tagung:

Im europäischen Vergleich tut Deutschland besonders viel, um Flüchtlinge in Arbeit zu bringen. Was auch nicht überrascht, denn kein Staat hat so viele Flüchtlinge aufgenommen wie die Bundesrepublik. Aber Deutschland habe es auch besonders gut gemacht, lobte OECD-Generalsekretärin Gabriela Ramos.

Tatsächlich hat man hierzulande, so Bundesarbeitsministerin Nahles, die Zahl der Fortbildungsangebote innerhalb eines Jahres von zwanzigtausend auf zweihunderttausend verzehnfacht. Manche Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz hätten den Flüchtlingen statt eines Behördenlabyrinths eine einzige zentrale Beratungs- und Infostelle angeboten. Und die Kammern berichten,  dass sich inzwischen 1200 kleine und mittelständische Unternehmen darüber austauschen, wie man Syrer und Somalier am besten in den Unternehmensalltag einbezieht. Da wird es dann schon sehr konkret – etwa, ob der frisch gebackene Lkw-Fahrer mit eingeschränktem Rechtsstatus bei seiner Auslandstour auch durch Nicht-EU-Länder fahren darf oder nicht.

Integration durch Arbeit

Arbeitgeberpräsident Kramer sieht in der beginnenden Arbeitsmarktintegration nicht nur einen wichtigen Beitrag, um den deutschen Arbeitskräftemangel zu lindern. Er betont: die gesamte Integration erfolge vor allem durch den Job. Da lernt man sich halt kennen. Allerdings wissen auch die meisten: Der Weg der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt  wird lang und steinig. Inzwischen werden über 400.000 Flüchtlinge als erwerbslos gezählt – und die Zahl wächst monatlich um zehntausend.

Sie nach und nach in bezahlte Arbeit zu bringen, ist eine zentrale arbeitsmarktpolitische und gesellschaftliche Aufgabe. Mit besonders viel Sprengkraft, wenn die deutsche Konjunktur und damit der Arbeitsmarkt mal nicht mehr so robust brummen wie derzeit.

Zuletzt aktualisiert: 17.10.2017, 00:13:37