Antisemitismus: Ein Problem von gestern?

Gepostet am 22.01.2017 um 16:58 Uhr

Für Auskünfte zu Antisemitismus und „Schlussstrich-Mentalität“ beim Holocaust gilt in der deutschen Forschungslandschaft der Sozialpsychologe Prof. Andreas Zick als besonderer Experte.

Er leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Der kürzlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für sein Vermittlungstalent ausgezeichnete Wissenschaftler erhebt dabei in besonders großem Umfang Daten zur Entwicklung antisemitischer und antiisraelischer Einstellungen in der deutschen Bevölkerung.


Gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio/Fernsehen erklärte er, dass die Formen des klassischen Antisemitismus in Deutschland seit zwei Jahren in der Gesamtbevölkerung  deutlich rückläufig seien: Mitte 2014 meinten noch 14 Prozent der Deutschen, Juden hätten zu viel Einfluss  –  Mitte 2016 waren es laut Prof. Zick noch 9 %.

Und während im Herbst 2014 18 % glaubten, Juden seien an ihrer Verfolgung mitschuldig, sei diese Zahl bis Mitte 2016 auf 7 % zurückgegangen. Aber Prof. Zick sieht darin  kein Signal für eine allgemeine  Verbesserung.  Zum einen liege der Anteil der AfD-Sympathisanten mit klassischen antisemitischen Vorstellungen mittlerweile bei 20%  und damit viermal so hoch wie im deutschen Bevölkerungsdurchschnitt. Zum anderen  habe sich in der Gesamtbevölkerung Antisemitismus hin zu gewachsener  Israelfeindlichkeit verlagert. Ein Satz wie „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat“ wurde Mitte 2016 von 40 % der Befragten  bejaht. Gut eineinhalb Jahre  zuvor seien es noch 28 % gewesen. Auf diese Weise würden Schuld- und Schamgefühle wegen des Holocaust von den Befragten relativiert, meint Prof. Zick. Denn jeder vierte Befragte bejahte die Aussage: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben.

Zuletzt aktualisiert: 24.10.2017, 11:22:33