Antisemitismus: ein Armutszeugnis für unsere Demokratie

Gepostet am 15.12.2017 um 19:44 Uhr

Bei der 2. NEBA Konferenz diskutierten Experten und Expertinnen über Entwicklungen und Herausforderungen beim Thema Antisemitismus – und viele teilten sehr persönliche Erfahrungen, die ihnen mit dem Hass gegen Juden und Jüdinnen widerfahren sind.

Dalia Grinfeld hat in Heidelberg studiert. Von einer Israelreise brachte die junge Frau eine Handyhülle mit, auf der die Israelflagge abgedruckt war. Zwei Mal ließ sie das Handy in zwei verschiedenen Universitätsbibliotheken liegen, als sie kurz ihren Platz verließ. Display nach unten, Hülle nach oben. In beiden Fällen wurde in ihrer Abwesenheit auf ihren Block gekritzelt: „Kindermörder Israel“ und „Du unterstützt die neuen Nazis“. Das war im Jahr 2014, während des letzten Gaza-Krieges. Grinfeld wandte sich an den Direktor ihres Instituts. Der tat ihre Beschwerde über den Antisemitismus, den die junge Frau erlebt hatte, ab. Es sei ja kein Schaden entstanden, schließlich sei nur Papier bekritzelt worden.

Szenen wie diese können fast alle schildern, die am vergangenen Donnerstag auf dem Podium der zweiten NEBA-Konferenz sitzen. Die Konferenz beschäftigt sich mit Trends und Herausforderungen des Antisemitismus – in einer Zeit, in der der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern hochkocht und schnell vom Nahen Osten auf die Straßen, in die Cafés und Diskussionen in Berlin, Frankfurt, München und den Rest Deutschlands geholt wird.

Bunt gemischte Panels
Die NEBA Konferenz findet zum zweiten Mal in Berlin statt, organisiert von der Amadeo Antonio Stiftung, dem American Jewish Committee und dem Moses Mendelssohn Zentrum. Gefördert wird die Konferenz vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Auf dem Podium sitzen Schauspielerinnen, Künstler, Wissenschaftler und sogar ein Rapper. Der Frauen- und Männeranteil ist fast ausgeglichen. Unter #NEBA17 wird an dem Tag so viel getwittert, dass das Hashtag in Deutschland zum Trending Topic wird. Einen Tag lang wird diskutiert über Antisemitismus im Kontext von Flucht und Migration, in Kunst und Kultur, in der Musik und in der Wissenschaft. Ebenfalls Thema waren Antisemitismus im Rechtspopulismus und das Israelbild in deutschen Medien.

Einig sind sich alle in folgendem: Antisemitismus ist ein Problem in Deutschland, wird aber von Nicht-Juden zu wenig als solches wahr- und ernstgenommen. Und – jüdisches Leben in Deutschland existiert zwar. Jedoch weist Deidre Berger, Direktorin den American Jewish Committee darauf hin, dass es vor 1933 in Berlin um die 175.000 Juden und Jüdinnen gab. „Da hätte in jedem Café ein Broder gesessen. Wenn man uns heute erzählt, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt, wissen wir, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Wir wissen, was fehlt.“ Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland berichtet, 70 Prozent der Juden und Jüdinnen würden sich in der Öffentlichkeit nicht trauen, sich als solche erkennbar zu zeigen. Sie tragen ihre Kippot verdeckt unter Hüten oder legen ihre Ketten mit Davidsternanhänger ab. „Das ist ein Armutszeugnis für die Demokratie“, so Dainow.

Wie werden Juden und Jüdinnen in Deutschland dargestellt?
In verschiedenen Panels kommt die Sprache immer wieder auf ein Thema: die Darstellung von Juden und Jüdinnen. Die sei in Deutschland wirklich mangelhaft. Holger Michel, Sprecher der Initiative „Freiwillig Helfen“, plädiert dafür, dass junge Menschen mehr mit jüdischem Leben in Kontakt kommen – egal, ob Biodeutsche oder Geflüchtete: „Auch ich bin hier 13 Jahre in die Schule gegangen und habe im Geschichtsunterricht viel über den Holocaust gelernt, aber nichts über Israel. Alle Juden, über die ich was gelernt habe, waren tot. Ich habe aber nichts über lebende Juden gelernt.“ Nicola Galliner, Direktorin des jüdischen Filmfestivals Berlin, demonstriert die Quintessenz dessen anhand einer Broschüre über Kunst in Berlin. Kunst mit Bezug zum Judentum taucht in dieser Broschüre genau ein Mal auf: in Form des Holocaust-Mahnmals. Also wieder: tote Juden. Galliner ist empört: „Wir sind aber nicht tot!“ Die Hassenden müssen den Hass selbst loswerden

Wie umgehen mit Antisemitismus? Und was kann man gegen ihn tun? Die Meinungen gehen auseinander und am Ende der 2. NEBA Konferenz gibt es eine Reihe an Lösungsvorschlägen. Schauspielerin Sandra Kreisler findet zum Beispiel, dass die Verantwortung bei denen liegt, die Antisemitismen verbreiten: „Es ist nicht unsere Aufgabe. Es ist die Aufgabe der Hassenden, den Hass loszuwerden.“ Die meisten auf der Konferenz plädieren für mehr Bildung – über Judentum, jüdisches Leben und den Holocaust. Weitere Lösungsansätze: das Potential der Integrations- und Geflüchtetenarbeit von jüdischen Organisationen muss er- und anerkannt werden und demokratische Werte müssen stärker etabliert werden. Außerdem wichtig: die deutsche Gesellschaft muss Juden und Jüdinnen ernst nehmen und ihnen Rückhalt geben, wenn sie von Antisemitismus bedroht werden.

Von Pola Sarah Nathusius

Zuletzt aktualisiert: 29.10.2020, 20:22:46