Andrea Nahles und die Online-Welt

Gepostet am 02.06.2018 um 16:15 Uhr

Bei ihren Auftritten gibt sich Andrea Nahles oft kämpferisch, sie wirbt für Partizipation und Erneuerung. Eine andere Sprache spricht ihre Web-Präsenz: Die vermeintlichen Kernbotschaften der SPD-Chefin finden hier keinen Ausdruck.

Ausdrücke wie „Bätschi“ oder „in die Fresse“ aus ihrem Mund werden häufig zitiert und im Bundestag singt sie – wenn sie es für richtig hält – das „Pippi Langstrumpf-Lied“. Es ist bekannt, Andrea Nahles, die Parteivorsitzende der SPD, polarisiert. Bei ihren Auftritten redet sie sich gerne in Rage und hat keine Berührungsängste mit markiger Wortwahl. Sie gibt sich kämpferisch, sie schreit, sie gestikuliert – bis auch der letzte bemerkt: Andrea Nahles ist da.

Reiseberichte und brave Erklär-Videos

In den Weiten des Internets sind polarisierende Personen und Aussagen traditionell beliebt und werden mit Tweets, Posts und Videos honoriert, die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Kommentare mag dabei changieren. Und so wird auch Andrea Nahles hin und wieder ein Moment der Internet-Popularität zuteil. Best of-Videos, ausgelassener Jubel nach einer gewonnenen Wahl oder auch die peinlichsten Momente von Andrea Nahles. YouTube hat hier für Nahles-Interessierte am meisten zu bieten. Denn sie selbst unterhält zwar eine Facebook-Seite – die kommt allerdings deutlich unaufgeregter daher, als sich die SPD-Fraktionsvorsitzende im echten Leben gibt. Reiseberichte wechseln sich mit freudigen Posts über Besucher im Willy-Brandt-Haus ab, hier und da eine Demo und zwischendurch brave Erklär-Videos mit ihrer Sicht der Dinge, zum Beispiel, wenn unser Grundgesetz 69 Jahre alt wird. Auf einen eigenen Twitter-Account verzichtet die 47-Jährige, fleißige Polit-Twitterer behelfen sich mit „#Nahles“.

Der Kommunikationsstab des SPD-Bundesvorstands bespielt selbstredend alle gängigen Plattformen – und findet scheinbar wenig Überraschendes an seiner Parteichefin. Während Martin Schulz noch sein Glück in steifen Facebook-Ansprachen suchte, dringen bisher keine Experimente mit Andrea Nahles nach außen. Der SPD-Bot, für die Koalitionsverhandlungen der direkte Draht in die SPD-Zentrale, ist seit der Einigung mit der Union mehr oder weniger verstummt. Zuletzt tat hier Andrea Nahles ihre Freude über die Wahl zur Vorsitzenden kund. Das war am 22. April, vielleicht hat der Messenger schon Sommerpause.

Möglichkeiten der sozialen Medien bleiben ungenutzt

Und doch, irgendwie passt die Web-Präsenz nicht mit den SPD-Nahles-Scholz-post-Schulz-Mantren „Partizipation über alles“, „Erneuerung von der Basis aus“ zusammen. Auf den Regionalkonferenzen interagierte Nahles im Vorfeld des GroKo-Mitgliedervotums engagiert mit ihren Genossinnen und Genossen – ließ jedoch die Möglichkeit unberücksichtigt, auf digitalen Wegen eine größere Anzahl an Menschen zu erreichen. Mittlerweile ist sie zur SPD-Chefin gewählt, seit dem 22. April hat sie als erste Frau dieses Amt inne und führt gleichzeitig die SPD-Bundestagsfraktion. Noch immer spricht sie von Erneuerung und will in Kontakt sein.

Ein Blick auf ihre Online-Präsenz spricht eine andere Sprache: Eine viel beschäftigte Spitzenpolitikerin, die von Treffen mit hochrangigen Sozialdemokraten aus anderen europäischen Ländern zum Austausch mit ihren Kollegen in der Großen Koalition eilt. Wo auch immer Partizipation und Erneuerung herkommen sollen – die Möglichkeiten der sozialen Medien und einer geschickten Verbindung von analoger und digitaler Welt bleiben bei Andrea Nahles ungenutzt.

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Zuletzt aktualisiert: 25.09.2018, 07:35:13