Andrea Nahles macht auf ihrer Sommerreise dezent Wind

Gepostet am 26.07.2018 um 15:47 Uhr

SPD-Chefin Nahles hat sich beim Unionsstreit auffällig zurückgehalten und versucht stattdessen mit Sachpolitik zu punkten. Sie weiß genau, sie braucht Ressourcen für Wahlsiege, sonst ist sie geliefert, kommentiert Thomas Kreutzmann.

Andrea Nahles wedelt durchaus beiläufig mit dem rohweißen Fächer, der sich von ihrem, logisch, knallroten Sommerkleid abzeichnet. Beim Besuch eines Schlösschens in Hanau hat man ihn ihr überreicht, der Hitze wegen.

Sommerreise – Schlusshalt in Hessen, nach hardcore Politik-Terminen wie mit gebeutelten Mietern etwa, die in Frankfurt von offenbar ziemlich gierigen Investoren aus ihren Wohnungen herausmodernisiert werden sollen.

Den Unionsstreit nicht ausgenutzt

Wind zu machen war dabei eine Metapher, die man zuletzt am wenigsten mit Nahles in Verbindung brachte. Schließlich hat sie sich auffällig zurückgehalten, als kürzlich CDU und CSU tagelang eine äußerst schmutzige Scheidung zelebrierten, bei der man nicht wusste, wer starrsinniger war: Seehofer oder Merkel.

Kritisiert wurde Nahles, weil die SPD-Vorsitzende daraus keinen öffentlichen Vorteil zog. Aber sie scheint mit sich absolut im Reinen. Denn die Zerreißprobe wollte sie nicht befeuern. Sie wollte ganz offensichtlich weder den Deutschen, noch ihrer Partei nach der qualvoll langsamen Regierungsbildung vom gescheiterten Jamaika-Modell bis zur GroKo-Bildung einen Crash nach gut 100 Tagen Regierung zumuten.

In der SPD befürchtet man eben seit dieser Regierungsbildung, dass dann immer auch die SPD Schuld hat. Dass hat Nahles, die manche respektvoll als “Machtmaschine” sehen, beherzigt. Umso befreiter kann sie jetzt aufspielen. Und deutlich machen, dass die SPD mit Themen wie Bildung und Wohnen langsam aus dem dunklen Loch herauskommen will, welches nach dem Scheitern von Martin Schulz auf allen Ebenen noch einmal düsterer geworden ist.

Der SPD Schlagkraft und Selbstrespekt zurückgeben

Die Perspektiven für die Landtagswahlen in Bayern und Hessen sind auch keineswegs so strahlend wie der blendende Sonnenschein bei Nahles’ Sommerreise. Aber hessische Landtagsabgeordnete trösten sich beim Nahles-Besuch damit, dass sich das Blatt in der Medien-Demokratie immer schnell wenden kann, wenn “eine neue Sau durchs Dorf getrieben” wird. Das ist der Standardtrost und das Stoßgebet vieler Sozialdemokraten in diesen Jahren.

Tiefergehende Gebete richten sich auf den Umbau einer teilweise hoch frustrierten und verknöcherten Partei, die alles ist, nur nicht schlagkräftig. Nahles will ihr Schlagkraft und Selbstrespekt zurückgeben. Das “Aus” für die “Historische Kommission” scheint dazu gar nicht zu passen, und Nahles wird dafür von Feuilletons und SPD-Verstehern angefeindet. Nahles scheint das nicht zu berühren. Sie braucht Geld und Personal für Wahlsiege und nicht für teure Spielwiesen einzelner Genossen.

Angesichts des enormen Verschleißes an SPD-Führungspersonal weiß sie: Ohne Ressourcen kann sie nicht liefern. Und dann ist sie geliefert. Aber darüber schweigt die Dame in rot, und fächelt dezent, in Hessen, bei ihrer Sommerreise.

Zuletzt aktualisiert: 21.08.2018, 03:50:54