Alles übertriebener Öko-Fanatismus?

Gepostet am 23.10.2018 um 15:56 Uhr

Seit Jahren diskutieren wir über Stickoxid-Grenzwerte, Fahrverbote, Diesel und schlechte Luft – so heftig, dass eine Menge andere Themen an den Rand gedrängt werden. Übertreiben wir in der Diesel-Debatte? Ja, sagt Jörg Seisselberg – nein, meint Alex Krämer.

Die Diesel-Debatte ist überzogen, findet Jörg Seisselberg:

Ich finde, wir könnten alle mal ein bisschen runterkommen. Viel zu lange schon verbeißt sich diese Republik in die Debatte über Grenzwerte und Luftbelastungen in unseren Städten.

Völlig klar, gesetzliche Regeln müssen eingehalten werden. Wenn dies nicht geht, weil in der Umweltpolitik in den vergangene Jahren viel falsch gelaufen ist, muss man sich ehrlich machen – und wie schon bei den Klimaschutzzielen offen sagen: So schnell und so radikal schaffen wir das nicht.

Grundsätzlich geht die Stickstoffdioxid-Belastung in Deutschland ja zurück. Dass in einer Handvoll Straßen in einer Handvoll Städte der – nach Auffassung einiger Toxikologen: sehr strenge – Grenzwert noch überschritten wird, darf nicht dauerhaft die öffentliche Debatte in diesem Land bestimmen.

Weitere große Probleme

Millionen Menschen beschäftigt im wahren Leben täglich anderes. Die Situation in der Pflege ist für Betroffene und Beschäftigte teilweise skandalös. Zu viele Kinder leben im reichen Deutschland in Armut. Immer mehr Männer und vor allem Frauen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, können von ihrer Rente nicht leben.

Und viele Jüngere können sich von ihrem Arbeitslohn keine vernünftige Wohnung mehr leisten. Das sind die großen Probleme dieses Landes. Von denen diejenigen, die sich täglich mit Hingabe der Stickstoffdioxid-Debatte widmen, offensichtlich nicht betroffen sind.

Die Maßstäbe wären wieder gerade gerückt, wenn über diese Probleme ähnlich engagiert diskutiert würde, wie darüber, ob in der Straße xy der Stickstoffdioxid-Grenzwert überschritten ist. Denn auch wenn die derzeitige Diskussion einen anderen Eindruck erweckt: In über 99,9 Prozent des Landes ist die Luft ganz hervorragend.

Es geht um den Schutz der Gesundheit – nicht um Ökofanatismus, sagt Alex Krämer:

Mit Öko hat das alles nichts zu tun. Beim Stickoxid in der Stadtluft geht es um Gesundheitsschutz – Schutz vor einem Stoff, der Atemwege und Kreislauf schädigt – was vor allem Leute trifft, die an belasteten Straßen wohnen. Also keineswegs die grünen Stammwähler, die findet man in der Regel in angenehmeren Wohnlagen.

Der Grenzwert von 40 Mikrogramm – den viele Mediziner übrigens für zu hoch halten – gilt seit 2010. Festgelegt wurde er bereits 2008. Er kam also nicht überraschend – trotzdem reißt Deutschland ihn wieder und wieder überdeutlich. Und passiert ist lange nichts. Nicht Umweltschutzargumente, sondern erst Gerichtsurteile und die Angst vor wütenden Autofahrern haben die Politik ein bisschen auf Trab gebracht.

Keine ökofanatische Verschwörung

Man stelle sich kurz mal vor, in Brot, Milch, Eiern oder Trinkwasser wäre viel mehr von einem Schadstoff drin als erlaubt. Alle wüssten das und zehn lange Jahre würde nichts passieren – die Debatte möchte ich lieber nicht erleben. Bei der Luft sind wir offensichtlich alle ein bisschen entspannter, warum auch immer – anders als Eier oder Milch können wir die nämlich nicht eben mal weglassen.

Die Gerichte jedenfalls hatten abzuwägen zwischen dem Schutz der Gesundheit von Anwohnern und Fahrverboten. Sie haben daraufhin Fahrverbote erlassen, meist nicht großflächig, sondern nur sehr eingeschränkt. Sie haben den Gesundheitsschutz also nicht über alles gestellt.

Den Nachteil, das ist richtig, haben jetzt trotzdem die Diesel-Käufer. Aber das liegt nicht an einer ökofanatischen Verschwörung von Hysterikern gegen die Autoindustrie. Sondern schlicht daran, dass diverse Bundesregierungen und eben diese Autoindustrie dachten, sie könnten geltendes Recht einfach ignorieren und die Sache aussitzen. Das hat nicht geklappt.

Zuletzt aktualisiert: 13.11.2018, 03:30:24