Aleppo – wer stoppt den Wahnsinn?

Gepostet am 15.10.2016 um 17:33 Uhr

In Syrien bekommt die Welt täglich ihre Ohnmacht vor Augen geführt. Weit mehr als 400.000 Menschen wurden getötet. Aus den Grauen der letzten Jahrhunderte scheinen wir nichts gelernt zu haben.

„Wir wollen keinen Krieg mehr“ und „lasst uns Kinder Kinder sein“, schreiben Erstklässler in der belagerten syrischen Stadt Aleppo. Gleichzeitig gehen Bilder des Grauens um die Welt: ein kleines Mädchen liegt auf einem Tisch, ihr Gesicht blutüberströmt. Ein kleiner Junge an der Hand eines Mannes, Mund und Augen weit aufgerissen, der Schrecken des Krieges steht ihm ins Gesicht geschrieben. Was in Aleppo geschieht, ist ein Kriegsverbrechen. Die Bombardierung von Krankenhäusern, Schulen, Siedlungen widerspricht der Haager Landkriegsordnung.

Allein in Aleppo sind 100 000 Mädchen und Jungen vom täglichen Bombenterror betroffen, eingeschlossen, heißt es bei den UN. Wenn nicht bald etwas passiert, werden viele sterben.

Syria, Aleppo, 02 October 2016 In addition, Syrian schoolchildren – also including many Muslims – are writing messages to the global community on white balloons. These include such messages as “We want peace!”, “Give us our childhood!”, “We don’t want any more war!” and “We want to go to school!” These days, children at more than 2000 schools all over Syria are drawing and writing messages to the political decision makers of the European Union and United Nations under the motto “Peace for Children”. More than one million children are also signing a petition. This appeal for peace is a joint campaign being carried out by Catholic and Orthodox Christians in Syria, and members of all religious communities have been invited to take part.

Bei einer Aktion von “Kirche in Not e.V.” haben Kinder aus Aleppo ihre Wünsche auf Luftballons geschrieben und diese dann in den Himmel aufsteigen lassen. (Foto: Kirche in Not e.V.)

Wer trägt die Verantwortung? Wer kann das Töten stoppen?

„Primär ist das Regime von Bashar Al Assad verantwortlich und seine russischen Unterstützer. Beide haben keinerlei Interesse an einer politischen Lösung des Konflikts“, sagt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Sie sehen, dass sie jetzt den Ostteil von Aleppo mit Waffengewalt erobern können und werden danach die Rebellen in der Provinz Idlib besiegen.“

Für Ex-General Harald Kujat ist die Sache nicht so klar. „Den ersten Angriff während der Waffenruhe flogen die Amerikaner gegen eine syrische Stellung mit vielen Toten und Verletzten. Und wer letztlich den zweiten Angriff gegen den UN-Hilfskonvoi zu verantworten hat, ist auch noch nicht vollständig geklärt.“ Danach jedenfalls gingen die Bombenangriffe auf Aleppo wieder los.

An diesem Wochenende setzen Russen und Amerikaner mit Vertretern aus der Region ihre Verhandlungen fort. Ziel bleibt eine erneute Waffenruhe. Doch daran glaubt Steinberg nicht. Also bleibt nichts anderes übrig, dem Töten weiter zuzusehen?

Die Sache ist vertrackt. Nicht nur die USA und Russland spielen eine wichtige Rolle. Der Nachschub an Waffen – hier besonders aus den süd-ost-europäischen Ländern – läuft vor allem über das NATO-Mitglied Türkei. Ohne die Türkei hätten sich die Aufständischen wohl schon längst zurückgezogen, meint Steinbach. „Es liegt ein Schlüssel zur Lösung in der Türkei“, sagt er. „Die Türkei hat nur in den letzten Monaten nie irgendwelche Anstalten gemacht, die Aufständischen zu kontrollieren. Wenn Europäer und Amerikaner Erdogan nicht zu einem Politikwechsel bewegen können, dann muss man sich fragen, ob sie überhaupt noch Einfluss in dieser Region haben.“

Kriegsverbrechen werden in Syrien nicht allein von Russen und Syrern begangen. Als Iraks Städte Falludscha und Ramadi vom sog. „Islamischen Stadt“ freigekämpft wurden, starben ebenfalls zahlreiche Zivilisten, darunter viele Kinder. Der syrische Journalist Tarek Khello, selbst geflohen aus Aleppo, beobachtet die sozialen Medien, hält Kontakte in sein Heimatland. Auf die Frage, ob die Amerikaner im Anti-Terror-Kampf willkommen seien, antwortet er: „Meine Quellen sagen, mit jeder Bombe, die die USA in Syrien abwerfen, vergrößern sie die Schar ihrer Feinde.“ Das könne man in Deutschland nur schwer verstehen. Grausame Bilder aus Falludscha und Ramadi gab es hier sehr viel seltener zu sehen, als jetzt aus Aleppo. Zufall?

Was die deutsche Außenpolitik angeht, ist Guido Steinbach desillusioniert. „Es ist offizielle Rhetorik, dass Assad gehen muss. Aber unser Interesse müsste sein, dass Rest-Syrien, das jetzt noch unter Kontrolle von Assad ist, stabil bleibt. Wenn dieser Rest auch noch zusammenbricht, dann müssen wir mit noch viel mehr Flüchtlingen rechnen.“

Auch Ex-General Harald Kujat glaubt nicht an einen Durchbruch bei den Verhandlungen in Lausanne. Vielleicht könnten Korridore für ein paar Tage öffnen, so dass vielleicht ein Teil der Bürger Ost-Aleppos der Kriegshölle entkommt. Die große Lösung aber werde es nicht geben. Es sei denn, alle Parteien einigten sich auf diesen Weg: „Man muss Aleppo jetzt zu einer offenen Stadt erklären, d.h. Aleppo darf weder verteidigt noch angegriffen werden. Man muss bereit sein, den Terroristen, die Ost-Aleppo in ihrer Gewalt haben und die die Bevölkerung als Schutzschild benutzen, einen Ausweg ermöglichen, also einen garantiert freien Abzug ermöglichen.“ Doch ob Russen und Amerikaner das erreichen, ist höchst ungewiss.

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Zuletzt aktualisiert: 13.12.2018, 01:11:42