Jobs in Afrika, weniger Migration nach Europa?

Gepostet am 13.06.2017 um 18:33 Uhr

Kanzlerin Merkel stellt Afrika in den Fokus der deutschen G20-Präsidentschaft. Die Bundesregierung hofft, mit Investitionen vor Ort Perspektiven für die Menschen zu schaffen und so die Migration nach Europa zu verringern. Von Eva Lodde.

Kanzlerin Merkel stellt Afrika in den Fokus der deutschen G20-Präsidentschaft. Die Bundesregierung hofft, mit Investitionen vor Ort Perspektiven für die Menschen zu schaffen und so die Migration nach Europa zu verringern.

Von Eva Lodde, ARD-Hauptstadtstudio

Ein Klick, der Licht ins Dunkel bringt. Damit verdient der Unternehmer Thomas Gottschalk sein Geld. Seine Firma Mobisol installiert in Kenia, Ruanda und vor allem Tansania kleine Solarpanels auf Privathäusern, vor allem auf dem Land.

Die Menschen haben auf einmal Strom und meist die Möglichkeit, ein kleines Geschäft zu betreiben, kalte Getränke zu verkaufen oder einen Handwerksbetrieb aufzubauen.

70.000 Häuser sind schon elektrifiziert. Doch der Erfolg bringt Probleme mit sich. “Speziell im ländlichen Afrika ist das ein sehr korruptes Thema”, so Gottschalk. “Wenn für normale Hausanschlüsse 6000 bis 7000 Dollar ausgegeben werden und wir können es für 300 Dollar machen, dann bleibt zwischen 7000 und 300 Dollar ein relativ großes Delta, wo nicht mehr so viel Geld übrig bleibt für die Taschen von Energieministern und Behördenvertretern.” Gottschalk sitzt das dann aus. In Ostafrika wartet er viel.

Korruption ist eines der größten Hindernisse für Investitionen in Afrika. Nur 800 deutsche Unternehmen bringen den gleichen Wagemut auf wie Gottschalk. Doch es sollen mehr in Afrika werden.

Deswegen rief die Bundesregierung nun auf dem G20-Afrika-Gipfel “Investitionspartnerschaften” ins Leben. Reformwillige Staaten wie Marokko, Ruanda oder die Elfenbeinküste können sich darauf bewerben. Sie versprechen mehr Rechtssicherheit und weniger Korruption. Dafür werden sie von den G20 gefördert und mit potentiellen Investoren zusammengebracht.

Völkerwanderung befürchtet

Die zentrale Idee dahinter: Wenn sich das Investitionsklima in afrikanischen Staaten verbessert, wenn ausländische Firmen investieren und Jobs schaffen, dann kommen weniger Migranten über das Mittelmeer nach Europa.

Es ist die Angst vor mehr Afrikanern, die die Bundesregierung antreibt. “Dieser Kontinent wird sich bis 2050 bevölkerungsmäßig verdoppeln. Jedes Jahr sind 20 Millionen neue Arbeitsplätze notwendig”, so Entwicklungsminister Gerd Müller. “Schafft der Kontinent das nicht mit unserer Hilfe, werden sich Millionen aufmachen, eine neue Völkerwanderung in Richtung Europa sich in Gang setzen.”  

Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten Milliarden Euro nach Afrika flossen, war die Entwicklungshilfe offenbar nicht nachhaltig genug. Es seien die falschen Ansätze gewesen, um für wirklichen Aufschwung auf dem afrikanischen Kontinent zu sorgen, räumt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Eröffnungsrede selbstkritisch ein.

“Wir in den Industriestaaten müssen überlegen, ob wir immer den richtigen Weg gegangen sind, mit der klassischen Entwicklungshilfe.” Es sei ein stärkerer Fokus auf die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika nötig.

Keine verlässlichen Sozialstandards

Doch helfen die Investitionspartnerschaften? Der grüne Politiker Uwe Kekeritz ist skeptisch. Es seien nicht mal verlässliche Sozialstandards im Programm festgehalten: “Es sind auch keine ökologischen Standards definiert. Es wird an einer Stelle mal ganz kurz Bezug auf die Nachhaltigkeitsagenda genommen, aber das ist nur ein kleiner Hinweis und es wird nichts konkretisiert.”

Fraglich sei, wie sichergestellt werde, dass ein potentieller Investor beim Kauf von Land keine Menschen vor Ort vertreibt. Auch der Aspekt Bildung, entscheidend für den nachhaltigen Erfolg von Wirtschaftsunternehmen, sei nicht ausreichend berücksichtigt, kritisiert Jann Ley vom GIGA-Institut für Afrika-Studien.

Er warnt auch davor zu glauben, kurzfristig schnelle Erfolge mit diesem Programm erreichen zu können: “Diese Investitionspartnerschaften können ihren Teil dazu beitragen, dass Länder sich besser entwickeln.” Doch die Größenordnung des Problems sei so enorm, dass es nicht innerhalb eines Jahrzehnts zu lösen sei. Es gehe um Jahrzehnte.

Alle Kritiker bemängeln, dass die Wirtschaft zu stark im Mittelpunkt steht. “Das ist ein fundamentaler Fehler”, so Siphokazi Mthathi, Geschäftsführerin von Oxfam Südafrika. “In der Vergangenheit ist es sogar oft so gewesen, dass sich die lokale Wirtschaft aufgrund ausländischer Investoren schwerer oder gar nicht mehr entwickeln konnte.”

Freude bei den Ausgewählten

Welche genauen Auswirkungen die Investitionspartnerschaften haben werden, ist allerdings schwer zu erahnen: Die genauen Details werden mit jedem Land einzeln ausgehandelt, um auf die regionalen Eigenschaften einzugehen.

Die Freude bei den infrage kommenden Förderkandidaten ist jedenfalls groß. Allassane Ouattara, Präsident der Elfenbeinküste, hat schon genaue Vorstellungen: “Wir brauchen Straßen und Gleise im ganzen Land. Das war es auch, was Europa nach vorne gebracht hat! Wir erhoffen uns genau solche Investitionen für den afrikanischen Kontinent.”

Der Druck in der deutschen Politik ist groß zu demonstrieren, dass man sich um die vielen willigen Migranten auf dem afrikanischen Kontinent kümmert, gerade vor der Bundestagwahl.

Deswegen herrscht nun ein regelrechter Wettbewerb zwischen den Ministerien: Finanzminister Wolfgang Schäuble initiierte die Investitionspartnerschaften, Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries rief ihre Initiative “Pro-Afrika” ins Leben und Entwicklungsminister Gerd Müller wollte mit seinem “Marshall-Plan mit Afrika” den ganz großen Wurf landen.

Doch das Problem ist: All das ist nicht miteinander abgestimmt. Auch deshalb zweifeln Opposition und Nichtregierungsorganisationen an der Nachhaltigkeit der Initiativen.

Thomas Gottschalk von Mobisol hingegen blickt mit einem guten Gefühl auf die zwei Tage Afrika-Gipfel. Zusammen mit der Afrikanischen Entwicklungsbank und dem Wirtschaftsministerium rief er ein Bildungsprogramm ins Leben: In zwei- bis dreimonatigen Kursen sollen afrikanische Interessierte zu zukünftigen Energieversorgern im Bereich Solar ausgebildet werden, an zwei Standorten in West- und Ostafrika. “Sie bilden unsere Konkurrenten von morgen aus”, sagt Gottschalk. Es hört sich so an, als sei er darauf auch ein bisschen stolz.

Zuletzt aktualisiert: 22.11.2017, 20:55:56