Männer für alle Flügel

Gepostet am 17.11.2018 um 21:55 Uhr

Die AfD hat in Magdeburg ihre Kandidaten für das Europaparlament bestimmt – und für jeden bei der AfD ist was dabei. Nur Frauen fehlen auf den vorderen Listenplätzen. Von Tom Schneider.

Die AfD hat in Magdeburg ihre Kandidaten für das Europaparlament bestimmt – und für jeden bei der AfD ist was dabei. Nur Frauen fehlen auf den vorderen Listenplätzen.

Von Tom Schneider, ARD Hauptstadtstudio, zzt. in Magdeburg

Bei den Bewerbungsreden um Listenplatz 5 brandet plötzlich unerwarteter Applaus auf. Am Rednerpult der Magdeburger Messehalle kämpft seit ein paar Minuten die AfD-Politikerin Sylvia Limmer um Aufmerksamkeit. Ihre Stimme hat es schwer angesichts des männlichen Grundrauschens in der schlechten Akustik der Parteitagshalle.

Doch plötzlich sagt sie diesen Satz, der für Beifall sorgt: „Eine Frauenquote heißt: Alle Frauen sind doof. Ohne Quote schaffen sie es nicht. Ich will gewählt werden, weil ich glaube, dass ich es kann!“

AfD setzt Europaparteitag in Magdeburg fort
tagesschau24 20:10:00 Uhr, 17.11.2018

Eine Frau unter den ersten fünf Plätzen?

Ganz kurz sieht es so aus, als könnte die promovierte Biologin Limmer mit ihrer Offenherzigkeit die Stimmung des AfD-Parteitags auf ihre Seite ziehen. Alle ihre Mitbewerber wirkten schwach in der Publikumsgunst.

Und überhaupt: Wäre eine von sich überzeugte Frau unter den ersten fünf Plätzen für das EU-Parlament nicht ganz zeitgemäß?

Zitat von Fürstin Gloria

Dass die AfD keine Partei ist, die in diesen Kategorien tickt, zeigt sich Minuten später. Bernhard Zimniok steht jetzt da, wo eben noch Frau Limmer für sich warb. Die Darbietung des ehemaligen Bundeswehr-Fallschirmspringers zeigt, was es wirklich braucht, um beim Parteitag zu landen.

Er sei viel in der Welt unterwegs gewesen, sagt Zimniok über seine Qualitäten für Brüssel. Er sei auch in den Herkunftsländern von Menschen gewesen, die flüchten. Nach seinem Rezept gegen Fluchtursachen gefragt, kramt er ein Zitat von Fürstin Gloria hervor: „Der Afrikaner schnackselt halt gern. Um das zu verhindern, müsste man ihn schon von den Frauen trennen, was kaum möglich ist.“

Stimmung auf einer Art Siedepunkt

Dass er Erkenntnisse über eine angeblich besondere Neigung zur Fortpflanzung zum Besten gibt, begreifen die AfD-Männer prompt, die Stimmung des Parteitags ist zum ersten Mal auf einer Art Siedepunkt.

Egal, ob nun als Altherrenwitz oder offen rassistisch gemeint, Zimniok gewinnt die Abstimmung um Platz 5. Und überhaupt: Wenn die AfD über Europa diskutiert, scheint zu große Differenziertheit zu stören. Das zeigt der Debattenverlauf in Magdeburg.

Die EU grundlegend verändern

Die Probleme der Währungsunion und der Verteilung des EU-Budgets würde mancher gern thematisieren. Doch solche Fachfragen helfen nicht weiter beim Ziel, nach den Wahlen im Mai mit bis zu 20 Prozent der deutschen Mandate in Brüssel einzuziehen. Gerade die ersten fünf Plätze zeigen die Klaviatur, mit der das geschehen soll.

Die AfD will die EU grundlegend verändern. Hinter Jörg Meuthen, dem professoral-grauen Spitzenkandidaten für die Europawahl, befindet sich da etwa Guido Reil. Er hat auf seine Weise das Zeug zum Popstar der Populisten. „Ich habe mich hochgearbeitet, in 1500 Metern Tiefe, vom einfachen Bergmann zum Steiger“, erklärt Reil im breiten Ruhrgebietsslang den Delegierten.

26 Jahre lang SPD-Mitglied

Was Reil für die AfD wertvoll macht, ist nicht nur ein durchaus unterhaltsames Redetalent, sondern seine Vita: 26 Jahre lang war Reil SPD-Mitglied. Er steht sinnbildlich für viele Genossen in den SPD-Hochburgen des Ruhrgebiets, die sich von der Sozialdemokratie abwenden.

Reil überwarf sich mit der SPD im Streit über die Flüchtlingspolitik von 2015. „In Brüssel ziehe ich ins arabische Viertel, damit ich jeden Morgen sehe, wogegen ich kämpfe“, kündigt Reil den Delegierten an. „Ich lasse mich nicht aus meiner Heimat vertreiben, ich werde zum Albtraum der Arbeitervertreter der SPD.“

Den Osten nicht zu vergessen

Doch die AfD steht auch unter Zugzwang, den Osten nicht zu vergessen. Auf die Europawahl folgen drei Landtagswahlen in Ostdeutschland. Die von Westdeutschen geprägte AfD-Führung gibt gerade für Ostdeutsche ein schlechtes Bild ab. Das soll Maximilian Krah ausbügeln, als Europakandidat auf Listenplatz 3.

Krah versprüht Angriffslust auf die CDU, sieht die Europawahl als Gelegenheit, Schwung zu holen, um die CDU bei der Landtagswahl in Sachsen im September zu überholen. „Dass uns die Altparteien nicht ernst nehmen, wird erst aufzubrechen sein, wenn wir in einem Bundesland die Regierung übernehmen. Wir in Sachsen wollen dieses Bundesland sein, deshalb brauchen wir einen sächsischen Kandidaten auf den vorderen Plätzen in Europa“, sagt er.

Die eine oder andere Parole für den rechten Rand

Es fehlt noch ein Kandidat für den wirtschaftsnahen, westdeutsch geprägten Parteiflügel. Dafür hat die AfD Lars Patrick Berg auserkoren. Er hat viel studiert in seinem Leben und zwischendurch als PR-Berater und Pressesprecher gearbeitet – auch für die AfD im Europäischen Parlament.

Berg verspricht, sich einzusetzen gegen Subventionsbetrug und Lobbyismus und für den Schutz der EU-Außengrenzen. Er wird mit deutlicher Mehrheit gewählt.

Beim Fotoshooting der wichtigsten Kandidaten lächelt Parteichef Meuthen zufrieden. Für jeden soll bei der AfD etwas dabei sein: für gebildete Zweifler, für enttäuschte Arbeiter, für euroskeptische Unternehmer. Und die eine oder andere Parole für den rechten Rand darf ruhig auch dabei sein.

Bericht aus Berlin mit Tina Hassel

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. November 2018 um 20:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 17.11.2019, 18:01:40