Jetzt aber mal los, Madame! – Macron im Bundestag

Gepostet am 19.11.2018 um 10:49 Uhr

Ein neues Kapitel für Europa, wir haben die Verantwortung, jetzt zu handeln, das sind wir Europa schuldig: Frankreichs Staatspräsident Macron ruft bei seiner Rede im Bundestag Deutschland und Frankreich auf, gemeinsam voranzugehen und die EU zu reformieren.

Ein Kommentar von Alex Krämer

Europäische Union hat Reformbedarf

Das war mal eine europapolitische Rede, wie ich sie mir von führenden deutschen Politikern auch mal wünschen würde – klar in der Sprache, klar in der Botschaft, optimistisch, ohne die Augen vor den Schwierigkeiten zu verschließen. Echt mal was anderes als der staubige Sonntagsreden-Ton, den deutsche Redner oft anschlagen, wenn sie über Europa sprechen.

Selbstverständlich muss man Emmanuel Macrons EU-Reformprogramm nicht 1:1 umsetzen, über viele Punkte kann man geteilter Meinung sein – völlig unberechtigt ist die Sorge vor zu viel finanziellen Verpflichtungen nicht, die zum Beispiel in der Unions-Bundestagsfraktion ziemlich verbreitet ist.

Aber dass Deutschland den französischen Präsidenten seit einem guten Jahr rumstehen lässt wie bestellt und nicht abgeholt, dafür gibt’s zwar Gründe, langwierige Regierungsbildung und so weiter. Aber peinlich ist es trotzdem. Die Europäische Union hat Reformbedarf, sie ist an vielen Stellen, bei vielen Themen nicht zukunftsfest – mit dieser Analyse liegt Macron richtig.

Jetzt aber mal los, Madame!

Geschickt hat er den Auftritt im Bundestag am Volkstrauertag genutzt, um für seine Ideen zu werben. Erst ein bisschen historische Einbettung – deutsch-französische Erbfeindschaft, deutsch-französische Aussöhnung, europäische Einigung – dann der Blick in die Zukunft: Deutschland und Frankreich müssen ein neues Kapitel aufschlagen, um Europa voranzubringen.

Gemessen am Anlass war das eine bemerkenswert tagespolitische Rede, mit einer klaren Adressatin, die ebenfalls im Plenarsaal saß: „Jetzt aber mal los, Madame!“, hat Macron Angela Merkel zugerufen – nicht wörtlich, aber sehr deutlich zu hören.

Die scheint sich drauf einzulassen: Wir müssen jetzt liefern, sagt sie, und will gemeinsam mit Macron zügig Reformvorschläge vorlegen, deutsch-französische Reformvorschläge. Ob die Kanzlerin am Ende ihrer Amtszeit noch die Kraft aufbringt, wirklich was durchzusetzen, ist zurzeit noch offen. Ein schönes Vermächtnis für Merkel wäre es jedenfalls.

Zuletzt aktualisiert: 14.11.2019, 08:03:19