Die Chance zum Gedankenaustausch

Gepostet am 09.08.2018 um 11:16 Uhr

Nach einem Gespräch von AfD-Politiker Stephan Brandner und dem Stiftungsrat der KZ-Gedenkstätte Buchenwald zeigen sich beide Seiten enttäuscht. Wahrlich keine Überraschung – und trotzdem war das Treffen wichtig, kommentiert Dagmar Pepping.

Es ist wahrlich keine Überraschung. Beide Seiten sind vom Gespräch in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald enttäuscht: Der Stiftungsrat und der AfD-Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner, der um dieses Treffen gebeten hatte. Brandner – immerhin der gewählte Vorsitzende des Rechtsauschusses des Deutschen Bundestages – habe völkische und antisemitische Äußerungen in seiner Partei als kurzzeitige Entgleisungen Einzelner bagatellisiert, kritisieren Vertreter der KZ-Gedenkstätte.

Der AfD-Politiker aus Thüringen äußerte sich ebenfalls enttäuscht über das Gespräch. Trotzdem war es richtig, der Gesprächsbitte Brandners nachzukommen. Das Gespräch zu verweigern, hätte den Höckes und Co in dieser Partei nur in die Hände gespielt. „Seht her, wir werden ausgegrenzt!“ Diese ewige Opferleier der AfD hatte dieses Mal keine Chance. Gut so!

Alle über einen Kamm zu scheren, wäre unfair

Ja, die AfD hat Antisemiten in ihren Reihen. Auch Geschichtsrevisionisten, die ein Ende des „Schuldkultes“ verlangen oder – wie Björn Höcke – eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Höcke, der Landes- und Fraktionsvorsitzende der AfD in Thüringen, hat aus gutem Grund Hausverbot in dem ehemaligen Konzentrationslager in der Nähe von Weimar. Alle AfD-Mitglieder oder Anhänger über einen Kamm zu scheren, wäre aber unfair.

Und deshalb hatte Stephan Brandner eine Chance zum Gedankenaustausch verdient. Anders als Höcke hat der Jurist aus Gera bisher das Holocaust-Mahnmal in Berlin nicht als „Denkmal der Schande“ bezeichnet. Seine widerlichen verbalen Ausfälle gegen andere Politiker im Bundestagswahlkampf – etwa gegen Heiko Maas, Claudia Roth oder Angela Merkel – sind zwar kaum erträglich. Ein Hausverbot rechtfertigen sie allerdings in unserer Demokratie nicht.

Schweigen bestärkt radikale Kräfte

Im KZ Buchenwald sind mehr als 56.000 Menschen gestorben, an Hunger, Folter, Krankheiten oder medizinischen Experimenten. An diesem grauenvollen Ort der Naziverbrechen musste sich der AfD-Politiker im Gespräch mit Stiftungsvertretern vermutlich unbequeme Fragen anhören. Beispielsweise, warum Björn Höcke nicht aus der Partei ausgeschlossen wird. Genauso wenig wie Brandners Bundestags-Fraktionskollege Jens Maier, der in öffentlichen Reden vor der Entstehung von „Mischvölkern“ warnt.

Interessant auch die Frage, ob der Vorsitzende des Bundestags-Rechtsausschusses so denkt wie sein Partei- und Fraktionschef Alexander Gauland. Der hatte in einer Rede gesagt, Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Die Antworten waren offenbar höchst unbefriedigend für die Stiftungsvertreter in Buchenwald.

Wir dürfen uns nicht täuschen: Die radikalen Kräfte innerhalb der AfD wollen unser demokratisches System schwächen, einige träumen sogar von einem Systemwechsel. Schweigen bestärkt diese Kräfte nur. Ignorieren wäre ebenfalls fatal. Deshalb war das Gespräch im ehemaligen KZ wichtig. Vielleicht hat der AfD-Politiker Brandner ja doch etwas gelernt. Schön wär’s jedenfalls.

Zuletzt aktualisiert: 22.08.2018, 01:10:28