5,8 % Arbeitslose – eine “Zahl für Dumme”

Gepostet am 03.05.2017 um 16:38 Uhr

Auf den ersten Blick erscheinen die neuen Arbeitslosenzahlen überaus positiv. Wirtschaftsprofessor Heinz-Josef Bontrup plädiert jedoch für einen ehrlicheren Umgang mit den Statistiken.

Seit Mittwoch, 10 Uhr morgens, wissen wir es ganz genau: Der Arbeitslosenanteil lag im April 2017 bei 5,8 %. Und damit nochmal ein halbes Prozent unter dem Vergleichsmonat 2016 (6,3 %). Richtig aufregend findet das eigentlich im Moment keiner mehr. Selbst Bundesarbeitsministerin Nahles ringt sich nur den wenig euphorisierten Satz ab: “Die Zahlen aus Nürnberg sind höchst erfreulich”.

Anscheinend geht es auf dem Arbeitsmarkt immer weiter bergauf

Na ja, man gewöhnt sich ja sowohl als Ministerin wie auch als Nachrichtenkonsument schnell an alle möglichen Entwicklungen. Zum Beispiel, dass es auf dem Arbeitsmarkt weiter bergauf geht. Allerdings kann die Zahl, die von ARD bis ZDF, von dpa bis Bild gemeldet wird, einen Experten durchaus noch schwer aufregen: Heinz-Josef Bontrup, seit über zwanzig Jahren Professor für Wirtschaftswissenschaft mit dem Schwerpunkt Arbeitsökonomie von der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen. Die 5,8 Prozent – das nennt er “eine Zahl für Dumme!”.

Im Video: Heinz-Josef Bontrup zu seinem Vorschlag der Arbeitszeitverkürzung:


Die Tricks mit der Arbeitslosenstatistik

Denn wer sich als Arbeitsloser gerade mal krank oder in den Urlaub oder in eine durchaus mehrmonatige Fort-und Weiterbildungsmaßnahme verabschiedet hat, wird ebenso wenig als arbeitslos erfasst, wie diejenigen, die sich in einem Ein-Euro-Job wiederfinden. Oder er erregt sich über die Sonderregelung für Ältere. Wer ab 58 ohne Job ist, werde, so Bontrup, nicht mitgerechnet, weil er nach Meinung der Beamten ohnehin bis zum Rentenalter kaum noch einen neuen Arbeitsplatz finden dürfte. Im Sprachgebrauch von Prof. Bontrup: All diese Menschen werden aus der Arbeitslosenstatistik “wegdefiniert”.
Und zwar so: In einer separaten Statistik der Bundesagentur werden rund eine Million Menschen zusätzlich in der Rubrik “Unterbeschäftigung” geführt:

– rund 600.000 “Personen, die nahe am Arbeitslosenstatus sind”
– fast 250.000, die sich per “Fremdförderung” von anderen Einrichtungen als der Bundesagentur vermitteln lassen
– rund 170.000 in der “Beruflichen Weiterbildung inklusive Förderung behinderter Menschen”
– über 70.000 in (geringfügigen) Arbeitsgelegenheiten und
– 80.000 als kurzfristig arbeitsunfähig.

Man muss von über vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland ausgehen

Angesichts von fast 44 Millionen Erwerbstätigen muss man trotzdem fragen: Sind diese Zahlen nicht doch so niedrig, dass man schon nicht mehr von Massenarbeitslosigkeit sprechen kann? Weit gefehlt: Zieht man die Selbständigen (und Scheinselbständigen) ab, bleiben noch gut 39 Millionen abhängig Beschäftigte. Und das Besondere: gut ein Drittel dieser 39 Millionen arbeitet nur Teilzeit! Im Durchschnitt nicht mehr als 15 Stunden die Woche! Übrigens weit überwiegend Frauen. Wird diejenige, die so wenig arbeitet, zu Recht noch statistisch als Arbeitende erfasst? Die Antwort ist differenziert, und doch einfach: Manche wollen nicht mehr als Teilzeit arbeiten; andere können nicht Vollzeit arbeiten, weil sie keinen entsprechenden Job finden. Gehörten die letztgenannten nicht auch in die Arbeitslosenstatistik? Aber auch ohne sie: insgesamt muss man schon sehr deutlich von über vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland ausgehen. Zeit, die Statistik auf neue Beine zu stellen und sich ehrlicher zu machen.

Zuletzt aktualisiert: 25.05.2017, 12:32:57