Viel Lärm um vier Zeilen

Gepostet am 22.08.2016 um 15:58 Uhr

“Die Bundesregierung fordert zum Hamstern auf!” So wird seit dem Wochenende ein neues Zivilschutz-Konzept diskutiert. Doch das geht am Thema vorbei: Die privaten Vorräte sind nur ein Randaspekt im neuen Konzept. Von Alex Krämer.

“Die Bundesregierung fordert zum Hamstern auf!” So wird seit dem Wochenende ein neues Zivilschutz-Konzept diskutiert. Doch das geht am Thema vorbei: Die privaten Vorräte sind nur ein Randaspekt im neuen Konzept.

Von Alex Krämer, ARD-Hauptstadtstudio

Trotz aufgeregter Schlagzeilen – Hamsterkäufer sind im Supermarkt in der Nähe des Bundestags noch nicht zu sehen. Auf den Kassenbändern liegen nicht kiloweise Reis und Nudeln, sondern zwei, drei Äpfel oder ein Päckchen Gummibärchen. Und mit der Vorratshaltung zu Hause sieht es auch nicht so toll aus.

“Ein bisschen Nudeln und Wasser und Saft, H-Milch”, so eine Kundin über irhen Einkauf. Ob das für 14 Tage reicht? “Nein, überhaupt nicht. Hab’ ja den Supermarkt gleich hier um die Ecke.”

Die Empfehlungen gelten schon lange

Jeder sollte genug für etwa zwei Wochen zu Hause haben, für den Fall eines Krieges, von Naturkatastrophen oder auch schwerer Terroranschläge – so steht es im neuen Zivilschutz-Konzept, das am Mittwoch im Kabinett verabschiedet werden soll. So steht es aber auch schon in den aktuellen, seit langem gültigen Empfehlungen, einzusehen zum Beispiel unter www.ernaehrungsvorsorge.de. Dort gibt es auch ein kleines Computerprogramm, mit dem jeder ausrechnen kann, wie viel er für seine Familie einlagern sollte.

Friederike Lenz, Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministeriums, kann die aktuelle Aufregung daher nicht ganz nachvollziehen: “Insofern ist das nichts Neues. Sondern das ist etwas, über das wir schon seit Jahren informieren.”

Opposition: “Timing ist immer Teil der Botschaft”

Die Opposition kritisiert den Zeitpunkt, zu dem das neue Konzept vorgelegt wird. Zivilschutz ist wichtig, sagt Konstantin von Notz von den Grünen, aber es sei merkwürdig, mitten in einer Terrorismus-Debatte damit zu kommen: “Ganz offensichtlich fahren ja CDU und CSU seit Wochen eine Kampagne in der Innenpolitik. Und jetzt die Zivilschutz-Maßnahmen mit Terrorismus zu verknüpfen, das ist unredlich, das ist Panikmache.”

Kritik am Zivilschutzkonzept der Bundesregierung
tagesschau24 14:09:00 Uhr, 22.08.2016

Und Linken-Chefin Katja Kipping sagt, das Timing sei immer Teil der Botschaft: “Dieser Vorschlag findet in einer Zeit statt, in der es eine zunehmende Verunsicherung gibt. Und mein Eindruck ist, und das sind die ersten Rückmeldungen, die wir auch aus der Bevölkerung  bekommen, dass die Aufforderung, sich Wasser- und Lebensmittelvorräte anzulegen, eher die Angst auf eine irrationale Weise befördert.”

Regierung: “Ergebnis eines langjährigen Prozesses”

Dieser Eindruck sei falsch, heißt es dazu aus dem Bundesinnenministerium. Die Arbeit am neuen Konzept sei ein langjähriger Prozess gewesen, so Sprecher Johannes Dimroth: “Und der ist jetzt beendet. Und insofern ist es gut und richtig, dass nach Abschluss dieser Arbeiten dieses Papier nun vorliegt und am Mittwoch im Kabinett zur Kenntnis gegeben wird.”

Die Botschaft lautet also: Wir legen es jetzt vor, weil wir endlich fertig sind. Die Passage mit den Vorräten, die die Bevölkerung anlegen soll, umfasst übrigens genau vier Zeilen im siebzigseitigen Zivilschutz-Konzept – ein Randaspekt. Viel wichtiger sind zum Beispiel Notfallpläne für die Strom- und Wasserversorgung, welche neuen Warnsysteme eingeführt werden sollen und welche Vorsorge Krankenhäuser treffen müssen, um im Ernstfall viele Patienten versorgen zu können.

Zivilschutzkonzept: Hamstern oder nicht?
A. Krämer, ARD Berlin
15:04:00 Uhr, 22.08.2016

Zuletzt aktualisiert: 12.12.2017, 00:02:22